Leserbriefe : AFGHANISTAN-EINSATZ DER BUNDESWEHR Wird die Öffentlichkeit getäuscht?

Leser Reimar Lenz kritisiert, dass über eine Ausweitung des Einsatzes in Kabul beraten wird, obwohl die Gefahr wächst. Verteidigungsminister Peter Struck antwortet

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Zu: „Zwölf Tage in der Provinz“ vom 11. Juni 2003 und „Ohne vier“ vom 13. Juni 2003

Hauptmann Berger war „entsetzt“, als er von dem Angriff auf deutsche Soldaten in Kabul hörte. Auch andere, mit dem Leben davongekommene, betonten, sie könnten das „nicht verstehen“. Doch im Tagesspiegel vom 10. Juni erfährt man, dass USTruppen gerade „mindestens 40 Taliban getötet“ hatten, und dafür Rache geschworen wurde. Die Taliban hätten ein Schattenkabinett für Afghanistan gebildet. Spätestens seit dem war doch Gefahrenalarm angesagt.

Nun sollen Bundeswehrsoldaten auch in Herat eingesetzt werden, „weil die Lage hier relativ stabil erscheint. Dem Gouverneur von Herat und seinen Milizen werden jedoch schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.“ (Tagesspiegel vom 11. Juni).

Kann es sein, dass man unsere Soldaten, die in Kabul gute Arbeit tun, in Unkenntnis lässt über den Kontext, in dem sie eingesetzt werden, zum Beispiel zur Unterstützung einer Regierung, die von den Amerikanern hastig und einseitig eingesetzt worden ist? Der Afghanistan-Einsatz ist von deutscher Seite gut gemeint, hat aber einen Geburtsfehler. Weiß das die Öffentlichkeit nicht?

Reimar Lenz, Berlin

Sehr geehrter Herr Lenz,

ebenso wie die in Afghanistan eingesetzten Soldaten war auch ich entsetzt über die Nachricht von dem feigen Anschlag, dem vier unserer Soldaten in Kabul zum Opfer gefallen sind und durch den viele schwer verwundet wurden. Bestürzung und Trauer dürfen jedoch nicht blind machen für die immense Bedeutung, die unser Einsatz für dieses von über 20 Jahren Krieg gezeichnete Land hat. Unsere Soldaten sind dort zusammen mit Soldaten aus 29 weiteren Nationen, um zu verhindern, dass das Land in die Anarchie zurückfällt. Die Grundlage dieses Einsatzes ist ein Mandat der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2001, mit dem die Aufstellung der Internationalen Sicherheitsunterstützungsgruppe (ISAF) beschlossen wurde.

Unser Einsatz dient dem afghanischen Volk, das – aus historischer Verbundenheit – große Hoffnungen gerade an Deutschland knüpft. Das spürt jeder, der sich in Kabul ein Bild von der Situation macht – und das spüren auch unsere dort eingesetzten Soldaten. Unser Engagement soll in Afghanistan die Voraussetzung für gesellschaftliche Normalisierung, wirtschaftliche Entwicklung und politische Stabilisierung schaffen.

Dieser Einsatz dient aber auch unserer Sicherheit. Afghanistan darf nicht erneut eine Brutstätte des global wirksamen Terrors werden, wie es unter der Herrschaft der Taliban der Fall war. Die Risiken und Bedrohungen in der heutigen Welt kennen keine Entfernungen und keine Grenzen. Deshalb müssen wir auch dort handeln, wo unsere Sicherheit gefährdet wird. Dies tun wir zusammen mit unseren Verbündeten und Partnern unter dem Dach der Vereinten Nationen.

Wir wissen um die Gefährlichkeit des Einsatzes. Deshalb werden wir auch in Zukunft alles tun, um unsere Soldaten zu schützen. Allerdings gibt es gegen Selbstmordanschläge keinen absoluten Schutz. Der Abbruch unseres Einsatzes in Afghanistan wäre – auch nach Auffassung aller dort eingesetzter Soldaten, mit denen ich gesprochen habe – nicht im Sinne der durch den Anschlag getöteten Kameraden. Er würde den hinterhältigen Anschlag in einen Sieg des Terrors verwandeln. Deshalb werden wir unser Engagement für die Sicherung des Friedens und die Freiheit der Menschen im Lande fortsetzen.

Im übrigen ist noch keine Entscheidung über einen eventuellen Einsatz der Bundeswehr außerhalb des bisherigen Einsatzgebietes getroffen. Die Berichte des Erkundungsteams werden sorgfältig ausgewertet und erst dann wird eine Entscheidung getroffen.

Peter Struck, Bundesverteidigungsminister

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