Leserbriefe : Alle am Wohlstand teilhaben lassen

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Zu Harald Martensteins Kolumnen zum Thema Armut vom 15. und 22. Dezember

Eigentlich schätze ich die Kolumnen und Essays von Harald Martenstein immer sehr – sie sind bissig, aber meistens auch sehr amüsant und auf den Punkt kommend. Aber hier muss ihm eine Laus über die Leber gelaufen sein, die ihm ein bisschen die Sicht vernebelt hat.

Bei einem menschenwürdigen Leben kann es doch nicht nur darum gehen, dass der Mensch genug zu essen hat (oft ist es auch nur Katzenfutter), eine warme Wohnung und einen Fernseher. Das Wichtigste ist doch die Teilnahme am Leben der Gesellschaft, und dazu gehören auch Kultur und Bildung. Gerade in letzter Zeit wird die Bildungsmisere vermehrt beklagt, und natürlich kann die Versorgung der Bedürftigen nicht auf Kosten der Schulen und Universitäten gehen. Aber wer kann denn überhaupt zur Universität gehen, wenn er schon als Kind zu den Ärmsten gehört, nie ein Konzert, ein Theater, ein Museum oder nicht mal ein Kino besuchen, keine Klassenreise mitmachen oder Mitglied in einem Sportclub werden konnte? Und wie soll Selbstbewusstsein entstehen, wenn man immer nur die abgelegten Kleider von anderen trägt und sich nie mal selber etwas Neues aussuchen kann? Was ist mit den Kindern, die niemals eine warme Mahlzeit bekommen und erleben müssen, wie Einrichtungen, die ihnen eine zur Verfügung stellen, aufgrund von Geldmangel schließen müssen?

Ich glaube allerdings auch nicht, dass man als Kriterium den Prozentsatz des Durchschnittseinkommens zugrunde legen kann, sondern eben lieber die Möglichkeit der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wie immer man das messen könnte. Es ist nicht meine Aufgabe, dafür Lösungen zu finden, aber sie müssen gefunden werden.

Tatsächlich zynisch finde ich den Vergleich mit der Zeit der Jugend Helmut Schmidts. Wenn ich richtig rechne, war damals Krieg (ich selbst war zur Kriegszeit zwischen 4 und 9 Jahre alt), und wir können doch nicht wirklich anstreben, die Kriegs- und Nachkriegszeit mit Hunger, Durst, Kälte zum Maßstab zu machen. Inzwischen geht es uns glücklicherweise besser – im Übrigen auch durch die Produktivkraft der Arbeitnehmer in der Nachkriegszeit und nicht nur durch Almosen der Alliierten –, und wir sollten, wenn es irgend geht, alle Menschen an einem, wenn auch bescheidenen, Wohlstand teilhaben lassen.

Damit es richtig verstanden wird: Ich will hier nicht der Jammerei das Wort reden, die nervt mich genauso wie den Autor. Aber ein bisschen mehr Verständnis vonseiten der Politik und der Medien für die Ängste der Menschen, die ja erfahren müssen, und das ist doch wirklich so, wie die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, das fände ich schon angebracht. Dem Autor und mir (alleinstehende, nicht sehr mit Geld gesegnete Rentnerin) geht es doch gut, wir sind privilegierte Mitglieder dieser Gesellschaft. Sollten wir nicht lieber darüber nachdenken, wie wir den Menschen helfen können, die allein ihr Leben nicht in den Griff bekommen?

Nichts für ungut, lieber Harald Martenstein, manchmal hat man eben nicht seinen besten Tag!

Brigitte Scholl, Berlin-Steglitz

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