Leserbriefe : Alles eine Frage der Definition

„Wir Ostler waren nicht nur Untertanen / Wehler irrt: Die DDR ist mehr als eine

,Fußnote der Geschichte‘“ von Jens Reich

vom 2. Oktober

Wenn man die Geschichtsschreibung der Menschheit mit zigtausend Jahren als Basis nimmt,stellt die DDR mit 40 Jahren selbstverständlich nur eine Fußnote der Geschichte dar, ob es Herrn Reich nun passt oder nicht.

René Kall, Berlin-Buckow

Nach Reichs Definition ist ein Staat nur dann totalitär, wenn seine Untertanen vollkommen zu Herdenmenschen, zu einer „homogenen Masse“ umerzogen worden seien. Reich vermutet: „Diese totale Gleichschaltung der Untertanen in anderen Systemen mag für andere Diktaturen zutreffen, für die DDR gilt es nicht.“ Das Problem aller Diktaturen – ob Nazideutschland, Iran oder Nordkorea – ist ja gerade, dass die totale Gleichschaltung der Bürger nie gelungen ist und auch nicht gelingen kann.

Reichs anderslautende Behauptung ist gefährlich. Mit solchen Argumenten wurden von Staaten Kriege angezettelt, weil Diktatoren (die klug genug waren, ihre totalitäre Ideologie auf ihr eigenes Land zu beschränken) ausgeschaltet werden sollten, wobei die Opfer als Kollateralschäden abgetan wurden, da man die vielen unterdrückten Untertanen ideologisch mit den Diktatoren gleichsetzte.

Herr Reich widerlegt sich selbst und bestätigt Wehlers These: Er führt als Beweis dafür an, dass die DDR kein totalitäres System sei, dass „die Auflösung des SED-Staates“ durch den „Aufstand der Bevölkerung“ herbeigeführt worden und dass dies das größte Ereignis ihrer gesamten Geschichte sei.

Warum sollte die Bevölkerung revoltieren, wenn sie gar nicht in einem totalitären Regime lebte?

Ingeborg Jacobs, Berlin-Lichterfelde

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