Leserbriefe : Alte Hüte sind nicht unbedingt Kunst

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„Wer hat Angst vor Lachsrosa“

von Jens Hinrichsen vom 20. April

Es hat ja durchaus eher Seltenheitswert, in einer Tageszeitung einen ganzseitigen Artikel über eine Kunstausstellung zu lesen – dazu erst mal: Glückwunsch! Die Zeilen über Gerwald Rockenschaub in der Berlinischen Galerie haben mich dann aber doch eher verwundert. Jetzt mal im Ernst: Will der Mann sein Coming-out als Innendesigner zelebrieren, oder ist ein rosa Riesenvorhang tatsächlich die höchste zeitgenössische Ausprägung bildender Kunst? Der Verweis darauf, dass sich die im Raum befindlichen Lüftergitter trefflich in das Werk integrieren, offenbart doch die Absurdität dieser Inszenierung. Man kann eine solche Form der Innenraumgestaltung ja wirklich in einigen Clubs finden, worauf ihr Artikel auch anspielt. Mein ganz persönliches ästhetisches Empfinden spricht das in dem einen oder anderen Fall sogar durchaus an. Aber ist mit solch einem Objekt nun wirklich gleich ein Kuntwerk geboren? Muss, soll oder kann ich nun staunend, fragend oder darüber sinnierend davorstehen, mich mit diesem Werk auseinandersetzen oder mich in irgendeiner Form daran reiben? Nein. Ich kann es bestenfalls als eine Art von Ambiente registrieren. Ganz ehrlich: Mir ist das zu banal. Schlimmer noch: Solche Banalitäten mit künstlerischem, ästhetischem oder intellektuellem Anspruch zu beladen, führt Kunst ad absurdum. Vielleicht ist dies der einzige Aspekt der Ausstellung, an dem ich mich reiben kann – aber das ist seit mindestens vierzig Jahren ein alter Hut. Angst vor Lachsrosa habe ich nicht, wohl aber vor diesem abgedroschenen, dafür offenbar hochgradig geschäftstüchtigen „Kunstbegriff“.

Oliver Wutke, Hamburg

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