Leserbriefe : Am Thema vorbei

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Zu: „Bloß Nackt" vom 16. November 2002

Dieser Text erzwingt eine Erwiderung. Die Autorin kritisiert, dass die Räume unserer Ausstellung nicht sinnlich sind, dass gar nicht versucht wurde, eine „besondere Ausstellungssituation zu inszenieren“. Genau das hat ihr in der Münchner Ausstellung „Der Akt in viktorianischer Zeit“ so gut gefallen. Sie vermisst die „schwelgerische Inszenierung“, die es dort gegeben hat.

Ihr scheint entgangen zu sein, dass unsere Inszenierung auf der Inszenierung durch die Kunstwerke selber beruht, die technik, epochen- und stilübergreifend gehängt miteinander in Dialog und Konfrontation treten.

Diese werkbasierte Inszenierung wird jedoch als „arg konstruiert“ bezeichnet, da die Hängung vor allem durch „kompositorische Parallelen“ verschiedener Werke motiviert ist. Welche Gliederung, wenn nicht die formaler und inhaltlicher Verwandtschaften, wäre denn geeigneter, über alle Gattungsgrenzen hinweg – so das Grundkonzept der Ausstellung – einen Überblick über die Aktkunst des Jahrhunderts zu bieten, der bewusst auf Chronologie verzichtet.

Dass jene Münchner Ausstellung britischer Kunst einer begrenzten Epoche gewidmet war, scheint ihr nicht wichtig zu sein: Ihre Hauptkritik ist dann auch, dass sich die Ausstellung in Emden nicht „auf eine schmale nationale Epoche“ beschränkt habe, sondern – geradezu unglaublich bei unserem Thema – „einen weitgefassten Überblick über ein ganzes langes Jahrhundert unterschiedlichster Aktdarstellungen“ bietet.

Der Schau, die die Autorin als äußerst spröde bezeichnet, mangelt es ihrer Meinung nach am tiefer gehenden Blick, der zur Entmythisierung des Aktbildes beitragen könnte. Könnte das durch schwelgerische Inszenierung und Konzentration auf einen engen Blickwinkel ohne direkte motivische Vergleichsmöglichkeiten besser erreicht werden? Fazit: Die Autorin schreibt am Thema vorbei, da sie die Ausstellung nicht an dem Anspruch misst, mit dem sie antritt: Der Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Dr. Nils Ohlsen (Kurator), Emden

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