Leserbriefe : Arzt-Unwesen kann so nicht genesen

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Betrifft: „Mit Risiko und Nebenwirkungen“ vom 18. November 2003

Als im französischen Ausland lebender Arzt kann ich Deutschland, was ärztliche Arbeitsbedingungen angeht, weiterhin nur als Entwicklungsland betrachten.

Jungmediziner sind einem hierarchischen und undemokratischen ChefarztUnwesen unterlegen, die Ausbildung verkommt zum Teil zu einer Farce, da sie zum Großteil nur auf dem Papier stattfindet, da der Stationsarzt aufgrund des Einflusses der Kassen und aus anderen administrativen Zwängen seine überwiegende Zeit mit Bürotätigkeit zubringt. Das war bisher ja auch so wunderbar praktisch, da Ärzte im Praktikum für 900 Euro im Monat bei 75 Wochenstunden weniger als die Stationsputze kosteten, Überstunden waren selbstverständlich und wurden natürlich nicht bezahlt.

Die Nachtdienste wurden für eine Anwesenheit von 14 Stunden nur mit acht Stunden bezahlt. Krankenschwestern werden von medizinischen Tätigkeiten wie einfachen Blutentnahmen oder Venenzugänge legen immer weiter entpflichtet, so dass immer mehr nichtärztliche Tätigkeiten auf den Stationsarzt abgewälzt werden.

Für Fortbildungen muss ein Teil des Jahresurlaubs geopfert werden und was die Bezahlung angeht, liegt Deutschland im unteren europäischen Drittel hinter Großbritannien, Frankreich, Skandinavien und der Schweiz ungefähr auf dem Niveau Italiens und Griechenlands. Wie lange soll das noch so weitergehen?

Die Hälfte der deutschen Medizinabgänger geht konsequenterweise ins Ausland oder in berufsfremde Tätigkeiten. Deutschland wird somit in der Medizin zunehmend Entwicklungsland und die Patienten müssen sich auf aus dem Ausland angeworbene Gastärzte einstellen. Macht nur so weiter, ich seh’s mir aus der Ferne an.

Arne Denkena, Marseille

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