Leserbriefe : Auch Kreuzberg gehört zu Berlin

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Zu der Äußerung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, er verstehe

jeden, der seine Kinder nicht in Kreuzberg einschult

Dank an Herrn Wowereit für seine Bemerkung zu den Kreuzberger Schulen, auch wenn sie von einigen missverstanden worden ist. Wichtig ist, dass die Diskussion über die durch jahrelanges Ignorieren und Schönreden nunmehr unhaltbaren Zustände nicht wieder versandet. Zuerst wurde versucht, die misslungene Entfaltung einer Multikulti-Eintrachtsschule der unzureichend qualifizierten oder motivierten Lehrerschaft anzulasten, und nun sollen für die nächste Runde die Kinder jener Eltern herhalten, die noch in der Schule einen Ort des Lernens sehen und sich nicht als Entwicklungshelfer einer verfehlten Integrationspolitik begreifen.

Über Integration wird gegenwärtig viel geredet, jedoch vertrauensbildende Maßnahmen, die jene Eltern wieder motivieren könnten, ihre Kinder auch in Problemschulen zu schicken, kann ich nicht erkennen. Solange es nicht gelingt, den absolut Integrationsunwilligen in einer für sie fühlbaren Art die Grenzen und nicht nur die Vorteile unserer Gesellschaft aufzuzeigen, wird es wohl so bleiben, dass nicht die Eltern in Kreuzberg, sondern die Großeltern in Spandau die Schulanmeldung durchführen.

Jochen Bauer, Berlin-Johannisthal

Ich verstehe die Aufregung nicht. Herr Wowereit hat letztlich nur ausgesprochen, was viele, die Kinder haben, denken. Dafür sollte man ihm eher danken.

Markus Methner, Berlin-Treptow

Mit Empörung und Unverständnis möchten meine Studentinnen und ich auf die Äußerung des regierenden Bürgermeisters von Berlin reagieren, dass er seine Kinder in Kreuzberg nicht einschulen würde. Seit zwölf Jahren, so auch in dieser Woche, vermittle ich meinen Lehramtsstudentinnen der Universität Paderborn Hospitationen an Kreuzberger Schulen, damit sie innovative Arbeit im Unterricht vor Ort erleben können. Es ist belegbar, dass gerade in sozialen Brennpunkten neue pädagogische Konzepte Eingang finden, um wirkungsvoll arbeiten zu können. Gerade in Kreuzberg werden Konzepte realisiert, die als vorbildlich in Fachkreisen gelten, sowie der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen und das jahrgangsübergreifende Lernen in der Grundschule. Bei der nachträglichen Auswertung der Hospitationsberichte wird mit größtem Respekt seitens der Studierenden von der hervorragenden Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer gesprochen, die mit Engagement ein außerordentliches Lernumfeld in ihren Schulen schaffen, in dem alle Kinder gefördert werden, so auch Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder mit Hochbegabungen und Kinder mit Behinderungen. Insgesamt wird das Schulklima und die Lernatmosphäre als pädagogisch anspruchvoll und nachahmenswert bezeichnet.

Prof. Dr. Gitta-Juliane Zielke,

Paderborn

Der Regierende Bürgermeister brüskiert die Schulen, die dort zur Schule gehenden Kinder und Jugendlichen, die ihre Kinder dorthin schickenden Eltern und die in den Schulen arbeitenden Lehrkräfte des Bezirkes Kreuzberg. Warum?

Ein Gutes mag man dieser Entgleisung abgewinnen, offenbart sie wohl eine mangelnde Zuwendung und fehlendes Verantwortungsgefühl für diese Stadt und für die hier lebenden Menschen. So zeigt er sich nicht als fürsorgender Landesvater, der sich hinreichend um das Wohl der ihm anvertrauten Stadt und Bürger kümmert. Vielleicht war die Wahl und Vereidigungszeremonie im Abgeordnetenhaus schon ein äußeres Zeichen!

Die Situation der Kreuzberger Schulen, wenn Herr Wowereit sie denn so sieht, hat an erster Stelle er selbst zu verantworten, er trägt die Ergebnisverantwortung für die politische Arbeit in dieser Stadt. Hier scheint es nicht nur an gelebter Verantwortung, sondern auch an gefühlter Verantwortung zu mangeln. Die Berliner Bürger, speziell die Kreuzberger und ihre Schulen, haben Besseres verdient. Ein Regierender Bürgermeister, der so stammtischhaft re(a)giert, handelt meines Erachtens nicht bürger-meisterlich! Schade für unsere Stadt!

Harald Mier, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren

des Landes Berlin, Berlin-Zehlendorf

Die Aussagen erwecken in der Öffentlichkeit den Eindruck eines desolaten Zustands in den Schulen. Es wird stillschweigend unterstellt, dass die Sozialstruktur Kreuzbergs Schulqualität unmöglich mache. Eine weitere implizite Unterstellung trifft uns Lehrerinnen und Lehrer, die Sozialpädagoginnen und -pädagogen und die Schulaufsicht, die Unterstellung, wir seien alle inkompetent.

Als Beleg für diese Meinung wird der Wegzug bürgerlicher und bildungsorientierter Familien angeführt. Für die soziale Situation des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg können Schulen nicht verantwortlich gemacht werden. Sie verursachen mitnichten die Situation, die im Sozialstrukturatlas seit Jahren eindringlich dargestellt wird. Alle Schulen arbeiten aber mit den Kindern von Kreuzberger Familien, meine seit 31 Jahren.Wir führen also seit drei Jahrzehnten viele Jugendliche aus ihren engen Lebenswelten zu qualifizierten Abschlüssen, die ihnen die Mitgestaltung unserer Gesellschaft ermöglichen. Der überwiegende Teil unserer 1300 Schüler kommt gern zu uns! Verhaltensauffällige Jugendliche werden mit großem Kraftaufwand intensiv betreut. Helfen würden uns und den Schülerinnen und Schülern eine geringere Klassenfrequenz, eine stärkere Berücksichtigung der Sozialsituation Kreuzbergs in der Lehrerausstattung und der Pflichtstundenzahl, eine flexiblere Möglichkeit der Lehrerzuweisung bei Langzeiterkrankungen.

Wir können uns keine intellektuellen Minderleistungen und keine Handlungsschwächen erlauben, da partielle Absencen durch eine weitere Häufung von Problemen bestraft werden.

Gerhard Rähme, Schulleiter Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule,

Berlin-Kreuzberg

Ist Herr Wowereit denn nicht verantwortlich für das, was sich in Berlin tut? Gehört denn Kreuzberg nicht zu Berlin? Man stelle sich vor, der Chef einer großen Firma würde öffentlich erklären, er würde auf keinen Fall seinen Kindern raten, in einer Abteilung seiner Firma zu arbeiten – er würde es verstehen, wenn sie zur Konkurrenz gingen! Der Aufsichtsrat würde ihn fristlos entlassen. Der Aufsichtsrat in diesem Fall ist das Parlament! Mal sehen, ob es zu irgendeiner Reaktion kommt.

Hansjürgen Spiller, Berlin-Friedenau

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