Leserbriefe : Auch wir zahlen für die Zocker

Zur Finanzkrise

In der ganzen Diskussion kommt ein Aspekt zu kurz: Es wird selten über die Motive der handelnden Personen geredet. Von den oberen Bankmanagern bis hin zu den Fondsberatern in den Bankfilialen: Antrieb sind die Provisionen bei den Abschlüssen. In Wahrheit geht es nicht um verantwortliches, wirtschaftlich nützliches Handeln, sondern um den nächsten Ferrari, die Jacht, die Urlaubsvilla auf Mallorca. Es werden immer neue Finanzprodukte erfunden, die es möglich machen, erneut hunderte Millionen in der Welt herumzuschieben, um daran Provisionen zu verdienen. Lasst sie einfach pleitegehen. Dort wo reale Wirtschaft funktioniert, wo Waren erzeugt und Dienstleistungen erbracht werden, wird sich die Wirtschaft schnell erholen.

Jens Müller, Rangsdorf

„Einstürzende Weltbilder“

von Malte Lehming vom 24. September

„Gierige Zocker, deren spekulative Umtriebe kein Mensch kontrollierte, haben das globale Finanzsystem in den Ruin getrieben.“ Diese Feststellung ist zutreffend. Das ist es dann aber auch. Schon der Beginn dieses Artikels lässt vermuten, dass das Nachfolgende bestenfalls von einem ungeordneten Bauchgefühl bestimmt wird.

Herrn Lehming gefällt es offenbar nicht, dass die Bush-Administration den Steuerzahler in die Haftung nimmt. Ja, wen denn sonst, wenn die Verantwortlichen pleite sind? Möchte Herr Lehming, dass das gesamte Kreditsystem in den USA und dann im Dominoeffekt auch das der übrigen Volkswirtschaften zusammenbricht?

Er schreibt, das Prinzip Hoffnung ersetzt das Prinzip Wissen. Falsch, er möge nachschlagen unter dem Stichwort Basel 2 und der Frage nachgehen, warum die Politik in Deutschland wenigstens in Teilen Einfluss auf einige Bedingungen des Kreditgeschäftes genommen hat. Wenn dann noch das umgesetzt wird, was die Politiker von CDU und SPD in ihren Programmen fordern – dass Globalisierung nicht erlitten werden soll, sondern mit starkem Willen zu gestalten sei –, sind wir ein gutes Stück weiter.

Die Regierenden und die Bankvorstände und Aufsichtsräte in der alten und neuen Welt haben die Zocker wider besseres Wissen gewähren lassen. In einem rechtsfreien Raum bzw. durch keinerlei gesetzliche Einschränkungen getrübt. Da ist alles andere als blanke Wut gefragt. Wenn allerdings die Gesellschaft so saturiert und gleichgültig ist, dann ist es offensichtlich auch nicht weit her mit dem „starken Willen zu gestalten“.

Karsten Berger, Münster

Der amerikanische Steuerzahler ist schon heute nicht mehr in der Lage, den US-Haushalt zu finanzieren. Ihm wird das Staatsdefizit auf über 400 Milliarden anwachsen und im Haushaltsjahr 2009 sogar auf 500 Milliarden steigen. Hinzu kommen 85 Milliarden für die Rettung des Versicherungskonzerns AIG, bis zu 200 Milliarden für die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddy Mac.

Für diese Summen muss die US-Regierung Anleihen bei ausländischen Schuldnern aufnehmen. Angesichts der Gesamtschuld der US-Regierung von dann 11,3 Billionen Dollar kann doch nur ein gutgläubiger Erwerber von US-Staatsanleihen erwarten, dass er sein der US-Regierung geliehenes Geld jemals wiedersehen wird, es sei denn, er findet noch gutgläubigere Gläubiger, die ihm die Anleihen abkaufen. Damit liegt das Risiko für die zur Finanzierung der Bankenpleiten notwendigen Anleihen nicht beim USSteuerzahler, sondern bei den ausländischen Anleihegläubigern wie Zentralbanken, Staatsfonds der Ölexporteure, Anleihefonds und anderen. Auch wir werden zumindest indirekt wieder dazugehören!

Hans-Henning Koch, Berlin-Wannsee

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