Leserbriefe : AUSBILDUNGSABGABE Wie sinnvoll ist eine Umlage?

Unser Leser Ingo von Balluseck meint, viele Jugendliche sind nicht flexibel genug. Die SPD-Politikerin Nicolette Kressl sagt: Die Ausbildung muss angepasst werden

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Das ganze Vorhaben zeigt, wie wirklichkeitsfremd die Politik inzwischen agiert. Nicht nur, dass, bevor auf die Verantwortung Anderer gezeigt wird, man vor der eigenen Tür kehren sollte. Die extrem geringe Ausbildungsquote bei den Gewerkschaften oder den Bundes- beziehungsweise Landesministerien offenbart doch, dass es nicht um Hilfe für arbeitslose Jugendliche, sondern um ein Befriedungssignal an die frustrierten SPD- und Gewerkschaftsmitglieder geht.

Zum anderen ist es doch widersinnig, zuerst nach einer weitere Bürokratie verursachenden Abgabe zu rufen. Wäre es nicht richtiger, zuerst zu fragen, wieso die diskutierten 35 000 Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben? In der von mir selbst viel zu häufig erlebten Praxis zeigt sich nämlich: Ein Teil der Jugendlichen findet keinen Ausbildungsplatz im Wunschberuf und ist lieber arbeitslos, statt in „ungeliebte“ Berufe zu gehen. Andere sind lieber arbeitslos zu Hause, statt den Wohnort zu wechseln und dorthin zu gehen, wo die Arbeit ist. Das Hauptproblem ist aber, dass die Qualifikation unfassbar vieler Jugendlicher selbst für so genannte „einfache“ Berufe noch nicht einmal Mindestanforderungen wie Lesen, Schreiben oder Beherrschung der Grundrechenarten erfüllt. Keines dieser Probleme wird durch eine Ausbildungsabgabe gelöst. Aber dies würde ja auch keine Schlagzeilen bringen, sondern erfordert gründliche Analyse und tatkräftiges, langfristiges Handeln. In einem unserer Unternehmen in Berlin kommt die Auszubildende, eine rühmliche Ausnahme von der Unflexibilität, aus Cottbus. In Berlin haben wir keine ausreichend qualifizierte gefunden! In Süddeutschland suchen zwei unserer Firmen händeringend. Also zahlen wir eine weitere Abgabe, die sicher die bereits immensen Kostenvorteile des Standortes Deutschland weiter erhöhen wird.

Ingo von Balluseck, Berlin-Dahlem

Sehr geehrter Herr von Balluseck,

das duale System, in dem der Staat für die Berufsschule und die Wirtschaft für die betriebliche Ausbildung verantwortlich sind, hat sich bewährt. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt jedoch, dass immer weniger Unternehmen ausbilden, mittlerweile sind es nur noch 23 Prozent. Während zwischen 2000 und 2003 der Anteil der betrieblichen Ausbildungsplätze an der Gesamtzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge von 90,8 Prozent auf 89,2 Prozent sank, stieg der Anteil der staatlich finanzierten Plätze von 9,2 Prozent auf 10,8 Prozent. Damit engagiert sich der Staat zunehmend in der Finanzierung außer- und überbetrieblicher Ausbildungsplätze. Diesem Trend zur Verstaatlichung und Subventionierung der beruflichen Bildung muss entgegengesteuert werden. Aufgrund der demographischen Entwicklung werden bis zum Jahr 2015 in Deutschland mehr als eine Million Fachkräfte fehlen. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands muss die Wirtschaft das gesamte Fachkräftepotenzial ausschöpfen.

Es geht aber auch um die Zukunft der jungen Menschen. Zurzeit gibt es etwa eine halbe Million Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit. Von diesen hat wiederum rund die Hälfte keine Berufsausbildung. Die Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz von heute sind die Langzeitarbeitslosen von morgen! Die angeblich mangelhafte Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen ist pauschal nicht zutreffend. Selbst wenn Jugendliche teilweise Defizite aufweisen, so ist dies ein Phänomen, das die ganze Gesellschaft, also auch die Arbeitgeber, angeht. Auch die Arbeitgeber müssen sich dieser Herausforderung stellen und ihre Ausbildung anpassen, indem z.B. ein größeres Gewicht auf individuelle Förderung des Auszubildenden gelegt wird. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommt und erhebliche Summen in die Berufsvorbereitung und Qualifizierung investiert. Einen starken Anstieg erlebt die individuelle Förderung der beruflichen Bildung durch die Bundesagentur für Arbeit, z.B. im Rahmen der Förderung benachteiligter Zielgruppen, die von rund 1,3 Milliarden Euro im Jahre 1998 auf über 2,2 Milliarden Euro im Jahre 2003 anwuchs.

Die Unternehmen haben es selbst in der Hand, ob das geplante Gesetz angewendet wird. Denn die Ausbildungsumlage wird nur in den Jahren erhoben, in denen nicht genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen.

Nicolette Kressl ist stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

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