Leserbriefe : AUSLÄNDERINTEGRATION IN BERLIN Was ist mit denen, die nicht wollen?

Unser Leser Hans Arnim kritisiert die Verharmlosung der Probleme von Ausländern. Berlins Ausländerbeauftragter Günter Piening warnt vor Verallgemeinerungen

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Zu: „Warum der Innensenator irrt“ vom 13. November 2003

Barbara John beklagt unzulässige Schuldzuweisungen und Verallgemeinerungen gegenüber Ausländern. Ärgerlich ist bereits die Unterstellung, deutsche Politiker oder viele Deutsche könnten nicht zwischen den Problemfällen und der ordentlichen Mehrheit der Ausländer unterscheiden. Davon kann keine Rede sein.

Die meisten Deutschen denken schon lange nicht mehr daran, von „den Ausländern“ zu reden und bestimmte problematische Erscheinungen pauschal für alle Ausländer zu verallgemeinern. Sie sind sich des „tröstlichen Zusammenlebens der Kulturen“ im Normalfall wohl bewusst und stellen das auch in Rechnung. Aber bei den Sachverhalten, um die es hier geht, handelt es sich ja gerade um die Problembereiche, und dabei entsteht eindeutig der Eindruck, dass die Klagen über zu generelle Kritik an Ausländern eher unzulässig verharmlost, als dass auf der Gegenseite zu sehr verallgemeinert wird.

Kritisiert wird unter anderem der Mangel an konkreten Zahlenangaben. Aber die Daten, die vorliegen und auch bekannt sein müssten, sprechen eine deutliche Sprache: 40 Prozent der türkischen oder arabischen Schulabgänger ohne festen Abschluss und entsprechend viele später ohne abgeschlossene Berufsausbildung, 44 Prozent der jugendlichen Straftäter haben einen „Migrantenhintergrund“, die türkischen Frauen in Kreuzberg sind in den letzten Jahren eher unfreier geworden, da ihnen nach den durchgängigen Erfahrungen einer Kreuzberger Gynäkologin „keine Selbstständigkeit und Individualität zugebilligt wird“.

Zu fragen wäre, welche Möglichkeit denn die deutsche Politik und Gesellschaft besitzt, auf die frühkindliche Erziehung in den muslimischen Familien einzuwirken, wenn diese sich bewusst abschließen, die deutsche Sprache nicht lernen und dann keine Chancen in der deutschen Gesellschaft wahrnehmen können? Wenn diese Probleme und Missstände kritisiert werden, ist das daher mehr als dringend notwendig.Hans Arnim, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Arnim,

Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie auf die zentralen Probleme der Integrationspolitik in unserer Stadt hinweisen. Und dabei haben Sie erst einen Teil der Defizite und Aufgabenbereiche angesprochen! Ich würde da noch viel weiter gehen. Denn wir brauchen Transparenz und Offenheit in der Diskussion.

Türkische oder arabische Jugendliche ohne Schulabschluss und Berufsausbildung, jugendliche Straftäter mit Migrationshintergrund, die schwierige Situation von Frauen in bestimmten Einwanderermilieus. Die Reihe lässt sich fortsetzen: Die Sprachdefizite, die unzureichenden Deutschkenntnisse, die Überforderung zahlreicher Innenstadtschulen, in deren Klassen gar keine oder nur wenige Kinder deutscher Herkunftssprache vertreten sind.

In Ihrer Kritik schwingt ein allgemeines Unbehagen mit, ein Unbehagen über „die Zustände“ in manchen Kiezen der Stadt, in denen sich zunehmende Verwahrlosung, Gewalt und Intoleranz breit machen. Dieses Unbehagen wird dann gern kanalisiert und auf Migration oder Integration geschoben.

Zu Recht? Die jüngsten Ergebnisse der Sprachstandsmessungen in den Innenstadtbezirken haben weiter gehende Fragen aufgeworfen: Auch ca. 45 Prozent der Kinder deutscher Herkunftssprache brauchen Deutsch-Förderung. Wir haben es mit einem Problem zu tun, das uns alle angeht, nicht nur „die Migranten“.

Es ist nicht die ethnische Herkunft, sondern die soziale Lage, die geprägt ist von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug. Erziehung ist eben nicht nur die zentrale Aufgabe der muslimischen Familien, wie Sie schreiben. Ganztagsschulen, frühkindliche Sprachförderung, eine bessere Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrern, verstärkte Elternarbeit – all das sind wichtige Bausteine für den Integrationsprozess.

Aber er braucht auch seine Zeit. In Berlin gibt es inzwischen eine breite Schicht von Migrantinnen und Migranten, die es beruflich und sozial „geschafft“ haben – trotz schlechter Rahmenbedingungen, möchte ich fast sagen. Aber vielen gelingt dieser Aufstieg nicht. Ich befürchte, dass angesichts der geplanten Sozialreformen diese Gruppe nicht kleiner, sondern eher größer wird.

Zum Thema Gewalt nur eins: Selbstverständlich dürfen wir intolerante, rassistische und sexistische Verhaltensweisen nicht mit ethnischer Herkunft entschuldigen.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Als Intensivstraftäter sieht die Polizei in Berlin nicht einmal 200 Jugendliche an. Von einer so kleinen Gruppe dürfen wir uns nicht einschüchtern und unsere Urteilskraft trüben lassen.

Günter Piening ist der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration.

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