Leserbriefe : Auslaufmodell Wahllokal

Zur geringen Beteiligung an den Wahlen in Deutschland

Das Schicksal der Wählerinnen und Wähler im Iran geht uns – insbesondere in den östlichen Bundesländern – insofern nahe, als dass es hier 1989 sogenannte Wahlen gewesen sind, deren Ergebnisse so dreist gefälscht waren, dass diese Manipulation letztlich das Fass der Ungeduld des Bürgers zum Überlaufen brachte.Umso mehr ärgere ich mich über meine Landsleute, dass sie von ihrem sogar selbst erkämpften Wahlrecht nur unzureichend Gebrauch machen.

Doch bei genauerem Hinsehen merke ich, dass die Politik bei allen Beschwörungsritualen das „Neue“ an der neuen Zeit noch nicht so richtig begriffen hat.

Wenn ich mir die Wahllokale ansehe, und die einfallslose Wahlwerbung betrachte, die unbeholfenen Werbespots der Parteien anhöre, dann wird mir klar: Der Bürger straft nicht die Parteien und deren Politik ab, sondern viele haben kaum noch Lust sich diesen Abstimmungsritualen in der herkömmlichen Weise zu unterwerfen.

Ich selbst bevorzuge seit langer Zeit die Briefwahl. Ich kann unbeeinflusst von mehr oder weniger freundlichen Papp-Politikern auf den Plakaten meine Entscheidungen treffen. Aber warum gehen junge Leute nicht zur Wahl? Das sind doch Leute, die mit hoch komplizierten Maschinen zu tun haben, deren Freizeit darin besteht, sich mit Computern die ganze Welt in die Stube zu holen? Ganz einfach – sie treffen höchst sensible Entscheidungen, sie bewegen fast täglich ihr Geld am Computer, sie bestellen ihre Gebrauchsgegenstände elektronisch, ohne in die veralteten Warenhäuser zu fahren.

Ist unter diesen Umständen das klassische Wahllokal nicht ebenso ein Auslaufmodell wie ein Warenhaus oder ein Benzinvielfraß? Wenn wir unsere Mitbürger wieder mobilisieren wollen, dann ist es höchste Zeit nicht nur in Reden und alten Liedern die neue Zeit mit uns ziehen zu lassen – wir müssen aufpassen, dass sie nicht an uns vorbeizieht.

Dr. Harro Hess, Buckow/Märkische Schweiz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben