Leserbriefe : Baupläne I

„Ab durchs Mittelalter / Geburtsort der Stadt: Warum Berlin das neue alte Molkenmarktviertel braucht“ von Klaus Hartung vom 10. Juni

Herr Hartung zeigt Fantasie und überschreitet die gewohnten Grenzen! Bravo für diese aufrüttelnden Gedanken!

Mir fällt dazu der Hackesche Markt ein: Was ist dort entstanden? Ausufernde Straßenbahnstation, schmalste Bürgersteige (obwohl schon vor zehn Jahren dort die Menschen strömten), ein unansehnliches Zierpflaster, unsinnige Straßendurchfahrten mit Bordsteinkanten! Wie schön könnte dieser ganze Raum aussehen mit einfachem Kopfsteinpflaster ohne Bordsteinkanten – durchgepflastert und mit viel Raum für Fußgänger, keine Durchfahrt für Autos, keine Ampeln, keine Absperrgitter.

In dieser Stadt ist nach dem Krieg in Ost und West so viel rekonstruiert worden – Schloss Charlottenburg, Staatsoper, Kronprinzenpalais, … und – großartiges Beispiel für moderne Architektur in Anlehnung an historischem Vorbild: das Liebermannhaus!

Außerdem: Wer breite Straßen baut, muss sich nicht wundern, wenn dort viele Autos fahren! Das Konzept der autogerechten Stadt ist doch sicher schon lange überholt – andere Städte versuchen, mit Gebühren die Autofahrer von der Innenstadt fern zu halten! Ein besseres Mittel ist die menschengerechte Innenstadt mit engen Straßen, die das Autofahren erschweren. Die gewachsene, kleinteilig geschnittene Stadt hat etwas, was Menschen sich wohlfühlen lässt. Was ist daran verwerflich und warum darf sich ein Stadtplaner daran nicht orientieren? Das ist kein Rückschritt, sondern Fortschritt – eine menschenwürdige Stadtarchitektur!

Alexander Bungard, Berlin-Schöneberg

Welche schwärmerische Verblendung hat diesen „unabhängigen Gutachter“ erfasst, dass er uns suggerieren möchte, eine verlorene historische Altstadt sei per Planwerk wiederzugewinnen, wären nur die Berliner begeisterungsfähig und weniger geschichtsvergessen! Zum Genius Loci der schon seinerzeit ins abseits geratenen Berliner Keimzelle am Molkenmarkt, den der berühmte Flaneur aus dem vitalen neuen Westen 1930 bestaunte, gehören prekäre räumliche und soziale Verhältnisse, die Zille mit seinen Fotos vom Krögel dokumentierte und die niemand zurückwünschen mag.

Was nun als kritische Rekonstruktion präsentiert und vom Autor der Avantgarde zugerechnet wird, zeigt – nüchtern betrachtet – a) ein wiedergewonnenes Straßennetz und b) Randbebauung mit Innenhöfen. Toll!

Helga Schmidt-Thomsen,

Berlin-Charlottenburg

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben