Leserbriefe : Bayern ist kein Geberland

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Interview mit Senator Sarrazin

vom 5. 11. 2006

Die Forderung von Finanzsenator Sarrazin, die Bundesministerien endlich vollständig in Berlin zusammenzuführen und den kostspieligen Beamtentourismus zwischen Bonn und Berlin zu beenden, verdient volle Unterstützung. Wenn Berlin die Lasten der Hauptstadt tragen soll, dann muss es gerechterweise auch von den damit verbundenen Arbeitsplätzen profitieren. Und die reiche Region Köln-Bonn würde den Verlust gar nicht merken. Er sollte aber diesen Weg konsequent zu Ende gehen und auch die Heimkehr jener Institutionen nach Berlin fordern, die wegen der deutschen Teilung und des kalten Krieges aus Berlin abgezogen worden waren. Gerade die reichen Länder, die jetzt Berlin zur Sparsamkeit mahnen, haben sich zuvor an Berlin bereichert:

Wenn Herr Stoiber sich ob der guten wirtschaftlichen Lage Bayerns mit einem Selbstbewusstsein in die Brust wirft, das die Grenze der Heldenverehrung erreicht, dann sollte er daran erinnert werden, dass Bayern mitnichten ein „Geberland“ ist, sondern wie kein anderes Bundesland von der deutschen Teilung zu Lasten Berlins und zu Lasten der neuen Bundesländer profitiert hat: Siemens hat nach dem Krieg seinen Sitz nach München und Erlangen verlegt, BMW stammt aus Eisenach, und die Max-Planck-Gesellschaft (vormals Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft), die größte Forschungsgesellschaft der Welt, wäre ohne die deutsche Teilung nicht freiwillig in die agrarisch geprägte bayerische Provinz gezogen.

Und der Baden-Württembergische Ministerpräsident Oettinger sollte daran erinnert werden, dass der Bundesgerichtshof nach der Wiedervereinigung eigentlich an den angestammten Sitz des Reichsgerichtes nach Leipzig hätte umziehen müssen. Weil aber die Damen und Herren Bundesrichter in Karlsruhe zu bequem dazu waren, ihren Beitrag zur Wiedervereinigung zu leisten, musste Berlin das Bundesverwaltungsgericht opfern, um die Sachsen zu beschwichtigen.

Das reiche Nordrhein-Westfalen behielt nach der Wiedervereinigung und der Wiederherstellung der Hauptstadt Berlin nicht nur Teile der Bundesministerien zurück, sondern holte sich auch noch den Sitz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht nach Bonn, eine außerordentlich kostspielige Behördenverlagerung, denn viele hochqualifizierte Mitarbeiter wollten diesen allein „politisch“ begründeten Unsinn verständlicherweise nicht mitmachen und sind in Berlin geblieben.

Dr. Andreas Bödecker, Vorstand Weberbank, Berlin-Schmargendorf

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