Leserbriefe : Beim Thema Bildung stehen die Herzen in Flammen

„Die Schule brennt“

von Harald Martenstein vom 28. Juni

Harald Martenstein wäre mit seinem Plädoyer für das Gymnasium überzeugender, wenn er auch erwähnen würde, dass bestimmte Abschlüsse im herkömmlichen Schulsystem oft nichts anderes als Benachteiligung, ja sogar Stigmatisierung zur Folge haben. Der Hauptschulabschluss liefert dafür in nicht wenigen Fällen einen traurigen Beweis. Von der beschönigend Förderschule genannten, früher Sonderschule oder Hilfsschule, ganz zu schweigen. Diese ermöglicht ihren Absolventen allenfalls noch einen Platz in einer Behindertenwerkstatt.

Daher gibt es nicht nur von mir ein Plädoyer auf eine frühe Selektion zu verzichten und in kleinen Klassen so lange wie möglich gemeinsam zu lernen, auch wenn dies Geld kostet. Ich war selber ein „Spätzünder“ und hatte Anfang der 70er Jahre dank Willy Brandt die Möglichkeit über den Zweiten Bildungsweg zu einem Studium zu kommen. Das dafür oft existenziell wichtige Schüler-Bafög ist aber leider auch schon lange gestrichen.

Michael Mohr, Köln

In der gegenwärtigen Bildungsdebatte stehen sicher mehr die Herzen in Flammen als die allermeisten der doch überwiegend grundsoliden Schulen. Auch das Los bedeutet für die übernachgefragten Gymnasien kein schweres, sondern allenfalls ein faires Schicksal. Anteilig betrachtet gibt es übrigens mehr übernachgefragte Gesamtschulen als Gymnasien.

Bei uns entscheidet aus guten Gründen der Elternwille – so wie in acht Bundesländern auch – über den Zugang zum Gymnasium. Deshalb absolvieren dort schon lange auch realschulempfohlene Kinder eine Probezeit. 75 Prozent dieser Schüler überstehen diese, viele gehen weiter zum Abitur. Insgesamt sind dort rund 15 Prozent aller Kinder in der 7. Klasse „nur“ realschulempfohlen.

Wenn künftig das Los über den Zugang zu sehr beliebten Schulen entscheidet, heißt das: Alle Schüler haben eine Chance an Schulen, die zuvor außerhalb der Reichweite lagen. Bislang ging bei Übernachfrage die nicht leistungsorientierte Entfernung vom Wohnort zur Schule vor. Auch Kritiker glauben nicht, dass nun 30 Prozent Nichtgymnasialempfohlene zugelost werden. Vielleicht wird es an einigen Schulen pro 100 Schüler zwei, drei Nichtgymnasialempfohlene mehr geben, weil deren Eltern diesen nicht immer glücklichen, aber eben generell erlaubten Versuch starten. Sehen Sie sich einfach in Gymnasien und Gesamtschulen um, die mit realschulempfohlenen Schülern gute Arbeit leisten. Erfolge sind möglich.

Gymnasiallehrer unterrichten in Berlin auch heute schon bei Bedarf Kinder im Grundschulalter. An grundständigen Gymnasien ab Klasse 5 (wie dem Gymnasium Steglitz) gilt dies ohnehin, dort ändert sich am Aufnahmeprocedere nichts. Künftig werden jedoch die Schulleiter aller Schulen mit mehr Anmeldungen als Plätzen bis zu 70 Prozent der Neuen selbst aussuchen können.

Die Gesellschaft kann nicht beschließen, jedem einen Mercedes vor die Tür zu stellen. Sie hat sich aber darauf verständigt, jedem Kind die möglichst gleichen Bildungschancen zu gewähren.

Jens Stiller, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin

Bei den derzeitigen Versuchen unserer „Bildungspolitiker“ das Schulsystem ohne dringend notwendige finanzielle Mittel und bessere Personalausstattung zu verschlimmbessern, kann einem als betroffener Elternteil nur übel werden. Wenn alles nicht mehr hilft, werden die Schulplätze halt verlost.

Reinhard Biging, Berlin-Schöneberg

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