Leserbriefe : Bekommen Eltern genug Unterstützung?

„Wir dürfen uns abwenden / Das Urteil gegen die Eltern von Lea-Sophie lässt die wichtigsten Fragen unbeantwortet“ von Tissy Bruns vom 17. Juli

Viele Eltern sind mit den Anforderungen, die Kinder mit sich bringen, überfordert. Und staatliche Unterstützung für solche Familien? Die kann man mittlerweile mit der Lupe suchen! Vor allem in Berlin ist im Verlauf der letzten Jahre gerade auch in diesem Bereich gnadenlos gespart worden. Traurig ist, die Strukturen, die dabei zerstört wurden, kann man nicht von heute auf morgen wiederherstellen. Leiden müssen darunter vor allem die, die sich am wenigsten wehren können: die Kinder!

Sibylle Reiche, Berlin-Schmargendorf

Ich bin Ihnen dankbar für diesen sensiblen Beitrag. Die Eltern von Lea-Sophie sind auch Opfer von Ignoranz und falscher Politik. Wir können die Verantwortung für Familienarbeit nicht allein den Eltern überlassen, uns auf dem Fernsehsofa zurücklehnen und weiter unsere Familienklischees pflegen. Und wir können nicht zusehen, wie Herr Sarazzin wieder einmal den Rotstift ansetzt. Unsere Kinder sind in den 80ern und 90ern groß geworden. Das war vor den drastischen Sparmaßnahmen im Sozialbereich. Gespräche mit Erziehern (Kita für 30 Euro), den Lehrern (gute Arbeit trotz schlechtem Ruf), dem Kinderarzt (mit Zeit) und den diversen Sozialarbeitern in verschiedenen Kinder- und Jugendeinrichtungen (alles kaum mehr vorhanden) war in unserer Situation als Eltern überaus wichtig.

Wir spürten Wertschätzung, Unterstützung und Hilfsbereitschaft in unserem Umfeld und das half uns über die Durststrecken des Alltags hinweg. Interesse und Anteilnahme an der Eltern-Kindbeziehung und an den vielen profanen Kleinigkeiten des familiären Geschehens spiegelte uns, wann wir das Richtige taten und wann wir als Eltern nicht vielleicht unsere Sichtweise ändern sollten. Freundeskreis und Familie kann nicht alles abdecken und allein kann man es nicht schaffen. Die Gesellschaft muss wieder begreifen, dass Familie wenig zu tun hat mit den Klischees, die uns TV-Serien und Werbefilme weismachen wollen.

Silvia Paar, Berlin-Dahlem

Sehr geehrte Frau Reiche,

Sehr geehrte Frau Paar,

wie heißt es doch seit Jahren so schön: „Wir sparen für die Zukunft unserer Kinder“ – tatsächlich jedoch sparen wir auf Kosten unserer Kinder! Jeden Euro, der in den letzten Jahren in Berlin in den Bereichen Bildung und Jugendhilfe gestrichen wurde, werden wir um ein Vielfaches teuer bezahlen müssen! Daher kann ich Ihnen nur zustimmen.

Die Kurzsichtigkeit der Berliner Haushaltskonsolidierung ist volkswirtschaftlich eine haushaltspolitische Zeitbombe. Richtig ist, dass die Eltern den größten Teil der Veranwortung dafür tragen, wie ihre Kinder aufwachsen, aber es ist wenig hilfreich, wenn Eltern, die aus den unterschiedlichsten Gründen überfordert sind, populistisch verunglimpft werden. Besonders von denen gerne, die in wesentlich besseren Verhältnissen leben und sich gar nicht vorstellen können, wie schwierig es für immer mehr Familien in Berlin wird, über die Runden zu kommen. Will mir wirklich jemand erzählen, dass im Hause Sarrazin im Winter 15 Grad sind? 15 Grad ist verdammt kalt, da hilft kein Pullover und will ich es als Berlinerin wirklich verantworten, dass in unserer Stadt Kinder bei 15 Grad im Zimmer spielen müssen? Welch eine kaltschnäuzige Arroganz!

Wir brauchen in Berlin einen Paradigmenwechsel. Anstatt sich darauf auszuruhen, dass wir dann doch endlich mal ein Netzwerk Kinderschutz auf den Weg gebracht haben, muss viel mehr Anstrengung in die Verhinderung von Kinderschutzfällen gelegt werden. Frühzeitige Unterstützung von Familien und Kindern darf nicht länger verbale Absichtserklärung bleiben, sondern muss auch umgesetzt werden. Hier liegt die Verantwortung beim Senat und im Abgeordnetenhaus, aber nicht nur.

In Friedrichshain-Kreuzberg habe ich die Frühförderung und Familienförderung zum politischen Schwerpunkt in dieser Legislaturperiode gemacht. Um besonders Familien in prekären Lebenssituationen erreichen zu können, werden wir in Berlin der erste Bezirk sein, der Familienhebammen einführt, also Spezialistinnen, die sowohl ausgebildete Hebammen sind als auch sozialpädagogische Fachkräfte. Wir haben Familienzentren eröffnet und gut qualifizierte Stadtteilmütter auf den Weg gebracht. Wir haben eine Eltern-Servicestelle gegründet, die sich besonders um Elternpartizipation in Kitas und Schulen kümmert. Das Volksbegehren zur Verbesserung der Personalsituation in den Kitas wird von uns aktiv unterstützt und wir hoffen auf eine erfolgreiche Realisierung.

Aber diese Beispiele sind nur kleine Tropfen auf sehr heiße Steine – wir brauchen ein berlinweites Programm zur Familienförderung. Berlin muss eine verbindlich regelfinanzierte bedarfsgerechte Infrastruktur für Kinder und Familien etablieren. Familie sind nicht die anderen, Familienpolitik ist kein Gedöns – nur wenn wir begreifen, dass wir die Menschen ganz besonders unterstützen müssen, die Kinder großziehen und zwar von Anfang an, nicht erst, wenn’s schwierig wird, ist es eine tatsächlich positiv ausgerichtete Zukunftspolitik – alles andere ist fahrlässig und wird von uns allen teuer bezahlt werden – im doppelten Sinne …

Mit freundlichen Grüßen

— Monika Herrmann (Grüne),

Stadträtin für Jugend, Familie und Schule

in Friedrichshain-Kreuzberg

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