Leserbriefe : Bella Italia, Furor Teutonicus

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„Italien in der Krise – Mehr als nur Fußball“ von Clemens Wergin vom 6. Februar

Immer wieder habe ich sehr aufmerksam den Leitartikel gelesen und ich habe darin keinerlei Anhaltspunkt gefunden, der es mir ermöglichen würde, auch nur das geringste Verständnis für die Angriffe auf mein Land aufzubringen.

Der Leitartikelschreiber nimmt den abscheulichen Vorfall von Fan-Rowdytum im Stadion von Catania zum Anlass, um blindlings gegen Italien zu wettern und es als eines der „depressivsten Länder des Kontinents“ und „als das Land in Europa, welches am ehesten von der Globalisierung abgehängt zu werden droht“, zu bezeichnen.

Während meine Mitarbeiter bereit sind, die Urteile über Italien zu widerlegen, möchte ich meinerseits auf einige grundlegende Betrachtungen eingehen. Zunächst weise ich auf die Unvollständigkeit der von Ihrer Zeitung gelieferten Informationen hin, da keinerlei Bezug auf die Maßnahmen genommen wurde, welche die italienische Regierung umgehend zur Eindämmung der Gewalt in den Stadien eingeleitet hat. Diese Maßnahmen – die endgültigen Charakter haben und nicht etwa einmalig sind – beinhalten: Spiele vor leeren Zuschauertribünen in der Mehrzahl der Stadien (20 von 24); Verlängerung der Frist für die Ergreifung in flagranti von 36 auf 48 Stunden für in Stadien begangene Straftaten; Verkaufsverbot von Ticketpaketen für Fans, die das Auswärtsspiel ihrer Mannschaft verfolgen wollen.

Was jedoch am meisten an dem fraglichen Artikel missfällt, ist, dass sein Verfasser den schrecklichen Vorfall in Catania zum Anlass nimmt für eine verallgemeinerte Kritik an ganz Italien. Dabei widerspricht er seinen eigenen Vorsätzen, nämlich ein auf die Fußballwelt beschränktes Urteil nicht auf ein ganzes Land auszudehnen. Ich bin der Erste, der bereit ist, die Existenz ernsthafter Probleme in Italien anzuerkennen. Aber es ist wirklich überraschend, so viele konfuse Kommentare in einem allgemeinen Crescendo von oberflächlich wahrgenommenen und nicht belegten Daten zu lesen, vermischte Anspielungen und Vorurteile, die so weit gehen, Italien als erstes Opfer der Globalisierung ins Auge zu fassen, wobei ein schweres und für mich nicht zu akzeptierendes Urteil gefällt wird.

Es überrascht ebenfalls, dass eine Zeitung einer großen europäischen Hauptstadt Töne anschlägt, die weit entfernt sind vom Geist der tief verwurzelten Freundschaft, die in allen ihren Teilen die Beziehung zwischen Italien und Deutschland prägt, und von den Gefühlen der deutschen Bevölkerung für mein Land, die mir aus meiner täglichen und direkten Erfahrung bekannt sind, und die, wie ich glaube, auch die Leser des Tagesspiegels teilen.

Erlauben Sie mir abschließend einen freundschaftlichen Hinweis: est modus in rebus.

Antonio Puri Purini, Botschafter der Italienischen Republik in Berlin

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