Leserbriefe : Berlin beamt sich zurück in die Provinz

„Sonntagsverkauf / Laden öffnen?

Schluss Gesetz!“ von Gerd Nowakowski

vom 20. September

Überall wird gefordert, dass Eltern und Väter sich mehr Zeit für Kinder nehmen sollen. Kinder brauchen Verlässlichkeit, Regeln und Rituale. Wie ist das vereinbar? Wenn ich als Ausgleich zur Sonntagsarbeit den Dienstagvormittag frei bekomme, nutzt das meinen beiden Kindern wenig.

Ein verkaufsoffener Sonntag ist kein Sonntag mehr, zumindest nicht für abhängig Beschäftigte im Einzelhandel mit Familie.

Olaf Schallnas, Berlin-Spandau

Der immer wiederkehrende Verweis auf andere Berufe, die rund um die Uhr arbeiten ist ein blödsinniger Verweis. Dass Journalisten auch darunter fallen, ist offensichtlich. Warum müssen dann weitere Berufe rund um die Uhr einsetzbar sein? Ich möchte dann bitte auch an Feiertagen meine Zeitung kaufen können.

Absehen davon, was soll die Verschwendung von Energie und Ressourcen, für das Shoppen von Dingen die nicht dringend benötigt werden. Und schon gar nicht auf Bahnhöfen und Flughäfen.

In erster Linie sind das Verkehrsknotenpunkte, die von ihren Betreibern aus ertragseffizienten Gründen zu Shopping-Centern umfunktioniert wurden.

Das gewichtigste derzeitige Argument ist die Rechtslage. Das Gesetz zu den Ladenöffnungszeiten besteht. Ob es uns nun gefällt oder nicht, wenn es wegfallen soll, geht das nur über die Parlamente.

Ulf Kurtz, Berlin-Reinickendorf

Abgesehen davon, dass die Ladenschlussdiskussion nicht mehr zeitgemäß ist und sich Berlin mal wieder in die Provinz zurückbeamt, hat die Sache auch ein Gschmäckle: In Berlin wird – vor unser aller Augen – laufend gegen geltende Gesetze, Verordnungen und Richtlinien verstoßen.

Hier nur eine Auswahl, weit weg von der „großen Politik“, die sich oft genug nicht an Recht und Gesetz gebunden fühlt, trotz Artikel 20 Absatz 3 Grundgesetz: Ob es die zunehmenden und immer rücksichtsloseren Radfahrerinnen und Radfahrer auf den Bürgersteigen oder sogar in Bahnhöfen und auf Bahnsteigen sind, oder die Autofahrerinnen und Autofahrer, die bei Tiefrot über die Kreuzung jagen (und das zu allen Tageszeiten!). Ob es diejenigen sind, die U- und S-Bahn-Wagen zu Bars oder Imbissbuden machen (was die VBB-Beförderungsrichtlinien verbieten, was aber natürlich den Umsatz der BVG- und S-Bahn-Kioskmieter in den Bahnhöfen fördert!), oder die Hundebesitzerinnen und Hundebesitzer, die ihre Hunde mitten auf die Straße, vorzugsweise vor Kindertagesstätten, kacken und das Ergebnis liegen lassen. Das findet teilweise sogar unter den Augen der Polizei statt. Und wer was sagt, wird übelst beschimpft oder bedroht. Selbst dazu gehört heutzutage schon „Zivilcourage“. Der Zusammenhalt der Gesellschaft wird eher durch einen überbordenden Egoismus und die zunehmende Respekt- und Rücksichtslosigkeit gefährdet als dadurch, dass man sonntags im Hauptbahnhof – oder anderswo – einkaufen kann.

Darüber sollten sich große „gesellschaftliche Gruppen“ nicht nur Gedanken machen, sondern auch etwas dafür tun, nicht nur reden, dass es sich ändert. Entschlossenes, gemeinsames Handeln ist gefordert, nicht der Gang nach Karlsruhe!

Angelika Uken, Berlin-Wilmersdorf

Zurück aus Vilnius/Litauen, einer lebendigen, aufgeschlossenen und geschäftstüchtigen Stadt, lese ich wieder diese unsägliche Diskussion um die Sonntagsöffnung hier. Dort, 70 Kirchen (die meisten katholisch) empfindet offensichtlich niemand das boomende Sonntagsgeschäft (Öffnung bis weit in die Abendstunden) als konkurrierendes Böses, das die Gläubigen vom Kirchgang abhält. Bei einem sonntäglichen Kirchenbesuch (Orgelkonzert gab’s gratis) konnte ich neben einem „vollen Haus“ auf dem Opferstock unzählige Kerzen sehen, die vielleicht auch von dem einen oder anderen zufriedenen Geschäftsmann gespendet worden waren, weil eben die Sonntagsgeschäfte so gut laufen. Und: da die Kerzen bezahlt werden müssen, schließt sich hier ein Wirtschaftskreis, an dem auch die Kirche verdienen darf. Der liebe Gott wird’s wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

Irene Friedländer, Berlin-Friedenau

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