Leserbriefe : BERLINER SCHULPOLITIK Werden Kinder sitzen gelassen?

Unser Leser Peter Heyer kritisiert die Pläne des Bildungssenators, eine flexible Schulanfangsphase einzuführen. Klaus Böger antwortet

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Betrifft: „Sprachlos in die Grundschule“ vom 17. Mai 2003

Achtzig Prozent der Schulanfänger nichtdeutscher Herkunft und fast 30 Prozent derjenigen deutscher Herkunft sprechen schlecht Deutsch. Das gilt es zu ändern. Hier sind Elternhaus, Kita und Schule in der Pflicht. Nun erklärt der Bildungssenator, es bestehe die Absicht, Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse nicht in die 3. Klasse zu versetzen. Zwangsweises Sitzenbleiben als Form individueller Förderung? Eine solche Maßnahme ist ineffektiv. Sie schwächt die Lern und Leistungsbereitschaft der Kinder, anstatt sie zu stärken. Keines der Pisa-Spitzenländer praktiziert das zwangsweise Sitzenlassen. Natürlich kann eine Verlängerung der Lernzeit sinnvoll sein, aber nur dann, wenn sie nicht administrativ verordnet wird, sondern als Angebot an die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern besteht und als Chance verstanden wird.

Peter Heyer (Vorsitzender der Berliner

Landesgruppe des Grundschulverbandes)

Sehr geehrter Herr Heyer,

Kinder haben ein Recht darauf, etwas zu lernen, darauf, dass Lehrerinnen und Lehrer ihnen etwas beibringen. Kinder einfach durch das System zu schleusen, selbst wenn sie noch nicht über notwendige Grundfähigkeiten verfügen, halte ich für pädagogisch nicht vertretbar. Wir dürfen kein Kind verloren geben, schon gar nicht, wenn es erst acht Jahre alt ist. Wenn wir Chancengleichheit wollen, müssen wir den Kindern auch eine Chance geben. Ein Kind, das am Ende der zweiten Klasse in der Sprachentwicklung noch nicht so weit ist, hat im Rahmen der flexiblen Schulanfangsphase die Chance, ein Jahr länger intensiv gefördert zu werden. Darum werben wir bei den Eltern.

Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, wie es sein kann, dass Analphabeten unbemerkt das Schulsystem durchlaufen, dass Jugendliche die Schulen verlassen, ohne deutsch zu sprechen, dass jedes Jahr 25 Prozent der nichtdeutschen Kinder ohne Abschluss die Schule verlassen? Daraus folgt für mich, alle Kinder möglichst früh in der deutschen Sprache zu fördern. In Kita und der Grundschule werden künftig Sprachlerntagebücher von Erzieherinnen und Lehrern geführt, die für jedes Kind dokumentieren, wie es sich sprachlich entwickelt.

Ab dem Schuljahr 2005/2006 sollen Kinder mit fünfeinhalb Jahren schulpflichtig werden, so dass alle früher als bisher die Gelegenheit haben, Deutsch zu lernen. Schulpflichtige Kinder sollen nicht mehr zurückgestellt werden, sondern auf jeden Fall die Schule besuchen – und dort gefördert werden. Jedes Kind hat seine individuellen Schwächen und Stärken, hat andere Vorkenntnisse, braucht unterschiedliche Zeiten. Gerade das macht die spannende pädagogische Herausforderung aus. Für mich gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen aus der Pisa-Studie, dass die ersten Schuljahre die entscheidenden sind. Hier wird – am besten in einer Ganztagsgrundschule – der Grundstein gelegt für den späteren Bildungsweg.

Wenn wir schon zu diesem frühen Zeitpunkt darauf verzichten, den Kindern diese Grundlagen zu vermitteln, muten wir ihnen zu, dass sie schlecht ausgerüstet ihre Schullaufbahn durchlaufen und später mühsam Versäumtes nachholen müssen. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse, ohne sprechen, lesen, schreiben und rechnen zu können, fehlt den Kindern das Fundament.

Die vorgesehenen Sprachtests machen nur dann Sinn, wenn aus den Ergebnissen auch Konsequenzen gezogen werden. Wenn es gelingt, allen Kindern frühzeitig die Grundfähigkeiten zu vermitteln - umso besser! Kinder darf man nicht „sitzen lassen". Wir müssen uns um sie kümmern – und damit um ihre Zukunftsperspektiven.

Klaus Böger, Bildungssenator

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