Leserbriefe : Bloß nicht Hitler reparieren

„Hitler kopflos: Besucher zerstört Wachsfigur“ von Jörn Hasselmann vom 6. Juli

Damit war ja wohl zu rechnen. Muss in dieser kulturbewussten und mit beachtlichem geistigen Potenzial ausgestatteten Stadt von der aus dieser Mann mit seiner getreuen und machtbessenen Gefolgschaft unsagbares Unheil über unser Volk und weite Teile der Welt gebracht hat, unbedingt eine lebensnahe Replik platziert werden? Ich persönlich habe volles Verständnis für einen derartigen spontanen Protest, wenngleich ich insbesondere die damit verbundene Körperverletzung entschieden ablehne.

Warum fehlen da bei den Verantwortlichen des Museums aber auch auf politischer Seite die notwendige Sensibilität und das Fingerspitzengefühl? Mir drängt sich dabei auf, dass Sensationsmache und kommerzielle Interessen mal wieder im Vordergrund stehen, zumal entschieden wurde, die Hitlerfigur wieder instandzusetzen. Schade, dass die Museumsbetreiber den Vorfall nicht zum Anlass nehmen, in Ruhe über eigene Versäumnisse und über das Weitere nachzudenken und dabei auch die Empfindungen beachtlicher Teile Bürger in das weitere Handeln mit einzubeziehen.

Berlin, Deutschland und wir Deutsche brauchen derartige Präsentationen nicht. Es kommen auch so genügend Besucher nach Berlin, vielleicht aber nicht zu Tussaud?

Thomas Henz, Karlsruhe

Berlin ist nicht irgendeine Provinzstadt! Ebenso wenig wie Berlin nur Fußballodersonstwaspartyhauptstadt ist. Hier passt es hin, das „geglückte Attentat“. Genauso chaotisch und ohne großes politisches Pathos, wie es ja abgelaufen zu sein scheint. Wie wäre es denn, liebe Macher von Madame Tussaud’s, wenn ihr das darstellen würdet? Das geglückte symbolische Attentat auf Hitler mit allen seinen Protagonisten: Den beiden hilflosen Wachleuten, dem „Attentäter“ wie er der Wachsfigur den Kopf abreißt und dem Torso der Hitlerpuppe. Eine solche Darstellung wäre nicht nur ein Kassenmagnet und würde den entstandenen monetären Schaden um ein vielfaches wettmachen. Sie wäre auch politisch und historisch angemessen. Angemessen der Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Geschichte heute und passend zu Berlin. „Be Berlin“? Das ist Berlin!

Dr. Alexandra Manzei,

Berlin-Prenzlauer Berg

Die Zurschaustellung von Nazisymbolen ist doch in Deutschland gesetzlich verboten. Was ist denn Hitler? Hier haben der Innensenator und der Innenminister kläglich versagt, wenn die Bestie, die Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, in unmittelbarer Nähe des Holocaustdenkmals als „harmloser Schreibtischtäter“ zur Schau gestellt wird. Eine gezielte Sachbeschädigung war nun die Folge fehlender sensibler Verantwortung, die, statt nur zuzusehen, die Zivilcourage des „Attentäters“ hervorrief.

Dieter Zywicki, Speyer

Ich finde, dass dieser Anstoß nötig war, um über Hitlers Verwahrung in Berlin nachzudenken. Der gehört nämlich hinter Gitter. Das wäre der rechte Platz für ihn gewesen, eine Gefängniszelle würde den Rahmen zeigen, in dem man ihn weltweit gerne gesehen hätte.

Christine Bonfert, Berlin-Reinickendorf

Die Enthauptung der Hitler-Wachsfigur im neu eröffneten Tussaud’schen Kabinett Unter den Linden dürfte in die Geschichte eingehen, zumindest in die Berliner. Bleibt eigentlich der Tussauds-Filiale an der Spree nur eines: den wächsernen Hitler kopflos wieder in die Schau einzugliedern. Schon alleine, um 200 000 Euro Reparatur zu sparen. Aber bitte hinter Gittern! So wie es sich für unliebsame Machthaber gehört, ob sie nun aus Fleisch und Blut oder nur aus Wachs sind. Ansonsten wäre das Wachpersonal überfordert: Hitler à la Tussauds würde noch weitere Besucher dazu verleiten, selbigen zu verstümmeln, um vielleicht eine vergleichsweise harmlose Rache zu üben. Man weiß bloß nicht so recht, an wem: am Faschismus oder an der Museumsleitung? Sicher ist, dass unsere Eventkultur ein Spiel ohne Grenzen betreibt, in dem es manchmal eben auch grausam zugehen kann.

Dr. Angelika Leitzke,

Berlin-Schmargendorf

Auch ich habe ein gespaltenes Verhältnis zur Aufstellung Hitlers im Wachsfigurenkabinett. Zum jetzigen Zustand habe ich einen Vorschlag: Man könnte den abgeschlagenen Kopf auf den Schreibtisch legen als Ausdruck, daß Hitler wirklich hinter uns liegt.

Ingrid Bohnsack,

Berlin-Charlottenburg

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