Leserbriefe : Blühende Landschaften oder die Wahrheit

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„Mit Lug und Recht“ vom 2. Oktober 2006

Die Autorin schreibt unter anderen: „… dann gibt es (in Deutschland) zwar keinen Aufstand, die Menschen werfen nicht mit Steinen und gehen nicht auf die Straße …“ – O doch, auch bei uns hat es Rebellion gegeben, im Sommer 2004: zwar original „deutsch“, also sehr friedlich, nach Feierabend und mit ordentlicher Anmeldung, aber trotzdem waren damals hunderttausende Menschen auf der Straße. Das Problem war nur – niemand wollte dieses Signal hören! Und als die Demos abflauten, da erklärte man auch die Gründe, die dazu führten, für erledigt!

Was jetzt an Parteien-, Politik- und teilweise Demokratiefrust beklagt wird, ist schlicht und einfach ein Echo des Jahres 2004. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch diesmal wieder weghören wird – so bald sind ja im Osten keine Wahlen mehr …

Die Autorin beklagt auch: „Der politische Diskurs entfernt sich immer weiter von denen, die er betrifft …“ Aber bitte, doch nicht so allgemein bleiben – oder findet dieser Diskurs (samt seiner „Entfernung“) nicht auch gerade in den Medien statt?

Wer da also etwas ändern will, der fange am besten bei sich selbst an. Zum Beispiel, wenn es um ein Gutachten des Sachverständigenrates zu Hartz IV geht: Bei uns im Ort hat sich in den letzten 20 Monaten die Zahl der – geprüften – Bedürftigen bei der „Strausberger Tafel“ mehr als verdoppelt. Das – und nicht irgendwelche schönen Theorien – ist der Maßstab, an dem jeder neue Vorschlag zu messen ist: Verbessert sich die Lage der Betroffenen – oder verschlechtert sie sich weiter?

Peter Kubisch, Strausberg

Die Autorin nennt als Grund für die „tatsächliche Krise der Demokratie: Man nimmt den Souverän, den Wähler nicht mehr ernst.“ Der Appell an die Politiker ist leicht ausgesprochen. Viel folgenreicher wäre es, wenn der Souverän sich selbst ernst nähme. So lange wir, die Wähler, geneigt sind, lieber dem zu folgen, der uns blühende Landschaften verspricht, als dem, der uns ungeschminkt die Wahrheit sagt, wird sich nichts ändern. Es hilft absolut nichts, mit dem Finger auf die lügnerischen Politiker zu zeigen, solange wir nur zu gern bereit sind, uns belügen zu lassen.

Ulrich Waack, Berlin-Lichtenrade

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