Leserbriefe : Brauchen wir in Deutschland mehr ausländische Fachkräfte?

Zur Diskussion über die Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Fachkräfte

Den Fachkräftemangel in Deutschland haben doch vor allem die Unternehmen verursacht, indem sie nicht genügend ausbilden. Warum soll man sie jetzt dafür belohnen, indem man ihnen erlaubt, hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland einzustellen, während hunderttausende Jugendliche ohne Ausbildung auf der Straße stehen? Denen muss endlich eine Perspektive gegeben werden. Deshalb ist es meines Erachtens falsch, wenn nun nach qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland gerufen wird. Die Unternehmen sollten endlich mehr für die Qualifizierung der hier schon vorhandenen Arbeitskräfte tun.

Andrea Sievers, Berlin-Charlottenburg

Dem Fachkräftemangel in Deutschland muss tatsächlich möglichst rasch abgeholfen werden. Zu einem guten Teil ist er von den Unternehmen zwar hausgemacht, denn beim Personalabbau haben die Firmen auch vor Ingenieuren und Facharbeitern nicht haltgemacht. Nun merken sie, dass sie fehlen. Gravierender ist aber, dass seit langem der Nachwuchs in ausreichender Zahl fehlt. Über den Bildungsnotstand in Deutschland sollte nicht mehr nur geredet werden – Taten sind notwendig! Warum hoch qualifizierte ausländische Fachkräfte nach Deutschland kommen sollten, ist mir im Übrigen ein Rätsel: Die Einkommen sind niedrig, die Abgaben hoch, Deutsch ist als Fremdsprache im Ausland nicht unbedingt erste Wahl.

Wenn das Problem der fehlenden hoch qualifizierten Fachkräfte nicht bald gelöst wird, werden wir es doppelt und dreifach zu spüren bekommen: Unser Problem in Zeiten der Globalisierung ist, das die Arbeit dort hingeht, wo sie geleistet werden kann. Wenn bei uns die Arbeitskräfte – auch die Arbeitslosen – nicht genügend qualifiziert sind, denken Unternehmen im Zweifelsfall darüber nach, ins Ausland zu gehen. Dann entstehen eben dort die Arbeitsplätze. Und dann?

Silvio Hausner, Berlin-Treptow

Sehr geehrte Frau Sievers,

Sehr geehrter Herr Hausner,

Sie sprechen in Ihren Briefen ein Thema an, das in der Tat einigen Zündstoff bietet. Es ist jedoch aus meiner Sicht falsch, allein den Unternehmen die Schuld für den aufkommenden Fachkräftemangel zu geben. Zweifellos ist es die Aufgabe eines jeden Unternehmers, für gutes und qualifiziertes Personal in seinem Betrieb zu sorgen. Als Manager, der verschiedene Firmen geleitet hat, weiß ich jedoch, dass es gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten schwerfallen kann auszubilden. Und ich weiß auch, dass aus den Schulen manche Bewerber kommen, die für eine Ausbildung – noch dazu in einem anspruchsvollen Beruf – nicht geeignet sind.

Qualifikation ist daher das entscheidende Stichwort. Allerdings können wir diese nicht allein den Unternehmen zuschieben. Die Gesellschaft insgesamt ist gefordert, auch Familie, Schule, Vereine und die Bundesagentur für Arbeit. Es ist notwendig, bereits in der Schule zu erkennen, wo bei jungen Menschen Defizite vorhanden sind, die dazu führen können, dass sie nicht ausbildungs- und arbeitsmarktfähig sind. Zur Qualifikation gehören neben dem Erwerb von Kenntnissen aber auch „weiche“ Fähigkeiten, die so vermeintlich altmodische Worte wie Pünktlichkeit, Ordnung oder Fleiß kennzeichnen. Diese Werte müssen in den Familien vorgelebt werden. Die Bundesagentur für Arbeit kann gesellschaftliche Entwicklungen nur bedingt beeinflussen, da Schule beispielsweise in die Hoheit der Länder fällt. Aber wir haben in ganz Deutschland mehrere Pilotprojekte in Schulen ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass ein frühes Eingreifen in die Berufsorientierung und ein frühes Erkennen von Mängeln (z. B. fehlende Sprachkenntnisse) Sinn hat. Die ersten Rückmeldungen aus diesen Projekten sind sehr ermutigend und erfolgversprechend.

Mit nachträglicher Qualifikation von Arbeitslosen werden wir den Fachkräftemangel jedoch nicht beheben können. Nicht jeder ist als Ingenieur geeignet. Allerdings habe ich auch Zweifel daran, dass es mit dem Zuzug ausländischer Fachkräfte getan ist: Die „Green-Card“-Kampagne für die IT-Branche vor einigen Jahren hat gezeigt, dass Deutschland vielleicht nicht so attraktiv ist wie manche glauben. Außerdem werden gute Leute auch in ihren Heimatländern gebraucht und gut bezahlt.

Die Lösung des Fachkräfteproblems liegt also im eigenen Land. Da Qualifikation aber nur mittel- und langfristig wirksam wird, werden wir nicht jedem Mangel sofort begegnen können. Möglich, dass dann einige Jobs ins Ausland verloren gehen – der Trend scheint aber eher dahin zu gehen, dass Unternehmen ins Ausland verlagerte Arbeit gerade nach Deutschland zurückholen.

Ein Hinweis zum Schluss: Es ist richtig, dass es Jugendliche ohne Ausbildungsplatz gibt. Es ist aber auch richtig, dass die BA jedem Jugendlichen ein Angebot machen kann. Vielleicht nicht für den Traumberuf, aber kein junger Mensch muss auf der Straße stehen.

— Frank-Jürgen Weise ist Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit.

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