Leserbriefe : Braucht Berlin drei Opernhäuser?

Zum Interview mit der Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, vom 21. Januar

Nach meiner Rechnung beträgt der jährliche Zuschuss des Landes Berlin für die drei Opernhäuser inzwischen etwa 108 Millionen Euro, das sind ca. 31 Euro pro Einwohner und Jahr vom Säugling bis zum Greis; nimmt man die Anzahl der Steuerzahler als Bezugsgröße, dürfte sich sogar ein dreistelliger Betrag ergeben.

Und diese schier unglaublichen Zahlungen eines "armen" Landes für eine einzige Kunstform wird für den laufenden Betrieb in Anspruch genommen, stellt also einen verlorenen Zuschuss dar und nicht etwa eine „Investition in die Zukunft“. Wenn sich trotzdem die Deutsche Oper in einem „absoluten Notstand“ befindet, wie Frau Harms behauptet, so kann die Konsequenz nur lauten: Schließt (mindestens) ein Opernhaus! Angesichts des wirklich „absoluten Notstands“, in dem sich z. B. Schulen und Universitäten des Landes Berlin seit Jahren befinden, wäre eine weitere Erhöhung eine fast schon kriminell zu bezeichnende Verschwendung von Steuergeldern. Anzustreben ist vielmehr eine Deckelung bei einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag; immer noch großzügig für eine Kunstform von vergleichsweise geringem Publikumsinteresse.

Für die Beschäftigten der drei Häuser kann es Härten geben, aber entsprechende Härten wurden (und werden!) auch zahlreichen Mitarbeitern von Universitäten, Hochschulen, Krankenhäusern, Bezirksämtern, Polizeidienststellen etc. pp. als Konsequenz von ökonomisch begründeten Zusammenlegungen und Schließungen zugemutet; dies hat Konsequenzen auch für jeden einzelnen Bürger, der eine schlechtere Versorgung oder z. B. längere Wege in Kauf nehmen muss.

Prof. Dr.-Ing. Peter Koeppe, Berlin-Wannsee

Sehr geehrter Herr Professor Koeppe,

die Frage „Brauchen wir in Berlin drei Opernhäuser?“ hat leider eine lange Tradition. Ich meine, wenn man drei Kinder hat, fragt man auch nicht, ob man sie braucht, sondern man sieht zu, dass aus ihnen etwas wird. Berlin ist ja schließlich nicht im Begriff, neue Opern zu errichten, sondern bemüht sich seit dem Mauerfall, die bestehenden drei Häuser vernünftig zu positionieren. Sie bieten beeindruckende Zahlen auf der Kostenseite auf, in eine gesamtwirtschaftliche Betrachtung gehören aber auch die positiven Effekte: In einer Studie des DIW wird festgestellt, dass 30 Prozent aller Berliner zu den regelmäßigen Kulturnutzern gehören und dass 70 Prozent der Befragten der Kultur positiv gegenüberstehen. Mit seinen Ausgaben nimmt Berlin übrigens einen mittleren Platz hinter Städten wie Stuttgart, Frankfurt und München ein. Und zur Wahrheit gehört auch, dass die ca. 80 000 in der Kultur Beschäftigten immerhin 2,3 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Berlins erbringen, die mit 1,9 Milliarden Euro im Jahr weit über den gut 380 Millionen Euro Zuschüssen der öffentlichen Hand für die Kultur liegen.

Und dennoch sind die Opernhäuser in Berlin, die keine einigungsbedingte Last sind, sondern ein starkes Pfund, mit dem die Hauptstadt weltweit Kulturtouristen anzieht, allesamt unterfinanziert. Wenn Berlin sich im Wettstreit der großen Opern der Welt behaupten will, dann muss der Senat seine Häuser besser behandeln. Nur zum Vergleich: Die Oper in Hamburg erhält einen staatlichen Zuschuss in Höhe von 45 Millionen Euro jährlich, München 52 Millionen Euro, Dresden 41 Millionen Euro, Paris zahlt beiden Opern insgesamt fast 150 Millionen Euro, die Wiener Staatsoper erhält eine Staatssubvention in Höhe von 52 Millionen Euro im Jahr. Alle drei Berliner Opern müssen mit insgesamt 108 Millionen Euro auskommen. Der Senat handelt hier wie so oft halbherzig: Wenn der Regierende Bürgermeister Wowereit auch in seiner Eigenschaft als Kultursenator sich zu den drei Opern bekennt, dann muss er es richtig machen. Die Finanzausstattung und die Personalpolitik geben immer wieder Anlass zu berechtigter Kritik. Dadurch entsteht in der Öffentlichkeit eben auch der Eindruck, Berlin sei mit den drei Häusern überfordert und solle sich doch besser von mindestens einem trennen. Das haben die erstklassigen Künstler in unseren Opern nicht verdient. Denn diese Kunstform ist – anders als Sie es sagen – keineswegs von geringem Publikumsinteresse: 800 000 Besucher in einem Jahr zeugen von der weltweiten Attraktivität des Musiktheaters in Berlin.

Entscheidend aber ist der immaterielle Wert dieser Kultur in unserer Hauptstadt: Kultur ist Ausdruck von Humanität, sie beschreibt das Wesen unserer Gesellschaft und unseres Selbstverständnisses, gerade in der deutschen Hauptstadt. Deshalb ist es so wichtig, dieses Potenzial pfleglich zu behandeln. Das kulturelle Erbe gilt es zu bewahren, die künstlerische Avantgarde sich so frei wie möglich entfalten zu lassen – denn sie geht der gesellschaftlichen, auch der wirtschaftlichen, Wirklichkeit voraus.

Und verkennen wir nicht die Relationen. Die Kultur ist in Berlin angesichts ihres geringen Aufwandes von nur 1,8 Prozent des Landeshaushalts nicht Teil des Problems, sondern in Anbetracht ihres materiellen Ertrages und ihrer weltweiten Bedeutung dessen Lösung.

Und die Bundes-Kulturpolitik, die mit knapp 430 Millionen Euro jährlich in und für Berlin noch über den Berliner Kulturaufwendungen liegt, ist Ausdruck der Anerkennung der besonderen Rolle der Hauptstadt für die Nation. Jetzt fehlt nur noch dieselbe Anerkennung des Regierenden für seine Kultureinrichtungen. Die Kultureinrichtungen sind wie ein Netz geistiger Tankstellen in der Stadt. Wenn einmal eine dichtgemacht wird, wird sie nie wieder erstehen. Kultur ist eben keine Dekoration, keine Ausstattung, die eine Nation sich leistet, Kultur ist vielmehr eine Vor-Leistung, die allen zugute kommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch viel Freude an der Hauptstadtkultur

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Monika Grütters (CDU), Obfrau

der Unionsfraktion im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben