Leserbriefe : Cannabis ist kein guter Freund

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„Zwanzig Joints in der Tasche bleiben künftig straffrei“ vom 6. April 2005

Seit meiner Volljährigkeit 1959 habe ich trotz mancher Anfechtung die SPD gewählt. Jetzt reicht’s mir. Bei der nächsten Wahl erhält die CDU meine Stimme wegen eines einzigen Themas. Als „GefühlsSozialdemokrat“ fällt mir das sehr schwer.

Doch ich bin auch Vater eines Kindes (über 30 Jahre). Es kifft seit einem Jahrzehnt. „Morgens ein Joint, und der Tag ist dein Freund.“ Dieser „Freund“ hat mein Kind derart von der Realität weggerückt und in die Nähe von Straftaten gebracht, dass ich es prinzipiell nicht mehr verstehe. Mein Herz blutet.

Beispiele:

1. Das Kind „plant“ ohne jedes Kapital in einer Kleinstadt der Uckermark in einem verlassenen und heruntergekommenen Gebäude der örtlichen Bank die Einrichtung eines Jugend-Cafés mit Second-Hand-Laden. Es gibt kein Finanzierungskonzept.

2. Das Kind lagert bei Freunden auf einem Bauernhof zwei Zentner Stahlschrott ein, denn es hat gehört, dass die Stahlpreise „demnächst“ steigen würden.

3. Das Kind mit ausgeprägtem Mediensinn bittet einen anderen Freund, ihm wahrheitswidrig ein Ausbildungsverhältnis bei einer konkreten Filmproduktion zu bescheinigen, damit es staatliches Ausbildungsgeld bekommt.

Meine persönlichen Erlebnisse von Realitätsverlust und Betrugsüberlegungen bei meinem Kind sind längst durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Die kennt die Berliner Drogenbeauftragte. Auch den Regierenden Bürgermeister hat sein gutes Gespür für das Richtige nicht verlassen. Aber welcher Teufel hat Herrn Wowereit geritten, dass er den Drogen-Beschluss-Entwurf nicht kassiert hat? Wo kämen wir denn hin, wenn der Staat auf die praktischen Schwierigkeiten bei der Bekämpfung von erwiesenen Übeln mit der Legalisierung des Übels reagierte?

Peter Stephan, Berlin-Schöneberg

Die letzte Hemmschwelle, nämlich die Angst erwischt zu werden ist weg! Der Rechtsstaat kapituliert vor der Realität! Mit solchen Dramatisierungen wird eine kleine Korrektur der Cannabispolitik (über deren Sinn und Notwendigkeit man sich durchaus streiten kann) des Berliner Senates kommentiert. Der eigentliche Skandal ist, dass sich die Bundesländer bis heute nicht auf einen einheitlichen Umgang einigen konnten und somit in jedem Bundesland andere Regelungen gelten. Wenn überhaupt, dann entsteht hier der Schaden am (Un-)

Rechtsbewusstsein junger Menschen. Als jemand, der seit 15 Jahren mit Cannabiskonsumenten in der Prävention und Therapie arbeitet, kann ich verstehen, dass es besorgte Lehrer und Eltern gibt, die diesen kleinen Entkriminalisierungsschritt problematisch finden, weil sie noch mehr Konsumverbreitung fürchten. Der Cannabiskonsum ist in den letzten Jahren gerade unter den Jüngeren deutlich gestiegen. 10 bis 15 Prozent dieser Konsumenten konsumieren problematisch und benötigen beratende oder therapeutische Unterstützung. Das Cannabisproblem muss deshalb sehr ernst genommen werden.

Länderübergreifend hat sich jedoch gezeigt, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen mehr oder weniger „strenger“ Drogenpolitik einerseits und der Verbreitung des Cannabiskonsums andererseits. Was wir brauchen, ist nicht mehr staatliche Repression, sondern eine größere Bereitschaft von Eltern, Lehrern, Ärzten, Erziehern genauer hinzuschauen, sich differenziert mit Konsumrisiken zu beschäftigen, Konflikte wirklich auszutragen und Grenzen und Verbote mit Augenmaß und eigener Autorität vor Ort durchzusetzen.

Andreas Gantner, Psychologe, seit 15 Jahren in der Cannabisprävention und Therapie tätig, Berlin-Tiergarten

Zu meiner Schulzeit kifften wir in so ziemlich jeder großen Pause neben der Schule, für Lehrer und Schulverwaltung war das ein offenes Geheimnis. In der elften Klasse fragte ich mich, wie lange das wohl gut gehen würde – ich kam mit dieser Haltung unbeschadet durchs Abitur. Ich begrüße den Vorstoß des Senats, in Zukunft stärker zwischen Konsum im privaten Umfeld und dem im Umfeld von Kindern und Schulen zu unterscheiden. Was ein undifferenzierter Umgang mit Drogen bewirkt, konnte ich im vergangenen Jahr in den USA feststellen. Dort wurde uns auf der Suche nach „etwas zu rauchen“ in einem öffentlichen Park ganz selbstverständlich Crack angeboten. Nun bin ich in Bezug auf Drogen aufgeklärt, aber ich weiß nicht, wie ich mit 14 Jahren reagiert hätte. Daher befürworte ich auch die kontrollierte Abgabe, um die Grenze zwischen harten und weichen Drogen zu verdeutlichen.

Stanne Oehr, Berlin-Wilmersdorf

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