Leserbriefe : Charakterbildung bringt kein Geld

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„Genie der Natur, natürlich Genies“

vom 13. November 2005

Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Welch eine Bildungsvorstellung liegt diesem Beitrag zugrunde? Woran messen sich Erfolg und Spitzenleistung im internationalen Wettbewerb? Dient Bildung nur dem Wohlstand für alle? Worauf bezieht sich Wohlstand?

Sicher ist nur, dass wir bereits im Kindergarten damit beginnen müssen. Aber womit?

Damit, dass „bei den 25-Jährigen eine innovationsfreudige, für Wissenschaft, Technik und Forschungsfortschritte begeisterungsfähige, wenn auch nicht unkritische Haltung vorherrscht“. Um dies zu erreichen, fordert der Autor Charakterbildung. „Sie hat vor allem mit Ehrlichkeit, Anstand, Lebensmut, Lebensfreude, Selbstvertrauen und auch der Fähigkeit zu tun, zugleich anderen zu vertrauen, wie für sie vertrauenswürdig zu sein.“ Dem würde ich gerne zustimmen, doch gerade daran kann ich nicht glauben. Denn dies hieße die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf stellen. Es gibt in unserer Gesellschaft kaum einen Bereich, in dem Voraussetzungen für die erfolgreiche Anwendung einer solchen Charakterbildung bestehen, vielleicht in der Begegnung mit einzelnen Persönlichkeiten, nicht aber strukturell, noch weniger institutionell. Steht Charakterbildung vielleicht gar im Widerspruch zu Erfolg und Spitzenleistung?

Die Erfahrung lehrt, dass in der modernen Gesellschaft jede Bildungsanstrengung scheitern muss, die zum Ziel hat, mit Charaktermünzen zu zahlen. Worauf es allein ankommt, ist Aufmerksamkeit zu erringen. Ihr dienen auch Spitzenleistungen, darin liegt auch ihr ökonomischer Erfolg. Wo sind die anderen Erfahrungen, die bezeugen können, dass es auf die Anerkennung von Ehrlichkeit und Anstand ankommt? Ein Grundvertrauen setzt die Entdeckung von Gemeinsamkeiten und gegenseitiges Verständnis voraus. Doch wer macht sich noch die Mühe, den anderen verstehen zu wollen? Das kostet Zeit und ist unter wirtschaftlichen Aspekten keinesfalls effektiv. Wer heute noch von solch positiven Werten ausgeht, muss enttäuschen und wird enttäuscht werden.

Michael Matthes, Berlin-Lichterfelde

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