Leserbriefe : Curricula für Universitäten

„Freiheit dem Bachelor“ vom 8. Juli, „Der bessere Bachelor“ vom 7. Juli und „Professoren, hört auf zu jammern!“ vom 22. Juni

Nun haben die „Experten“ (Klaus Landfried, 1997 bis 2003 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, die Staatssekretäre Lange (Niedersachsen) und Ebling (Rheinland-Pfalz), Jan-Hendrik Olbertz, Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt) also die Schuldigen am Bachelor/Master-Chaos identifiziert: Es sind (natürlich) die Professoren, die „aufhören sollen, zu jammern“ (Landfried), die eitel, wie sie sind, unbedingt in jedem Modul vertreten sein wollen, die alten Wein in neue Schläuche zu pressen versuchten, die auf den alten Curricula bestehen und möglichst alles abprüfen wollen (um anschließend über zu hohe Prüfungsbelastung zu klagen): Sie also sind es, die die schöne neue Bologna-Welt in ihrer Entfaltung behindern. Was hier von verantwortlichen Bildungspolitikern unseres Landes entworfen wird, ist ein Zerrbild, das man entweder als bösartig oder als dumm bezeichnen muss. Dabei könnte man über die armselige Polemik des Herrn Landfried hinweggehen – die Polemik eines Mannes, der inzwischen wohl einsieht, was vor allem er angerichtet hat: die Zerstörung des weltweit bewunderten Universitätsmodells Humboldt’scher Prägung. Es stellt sich aber beim Lesen der Kommentare der genannten Bildungspolitiker vor allem der Eindruck ein, dass diese eben nicht wissen, wie Universität „tickt“, was Hochschullehrer umtreibt: vor allem die Verantwortung für eine qualitativ hochstehende (nicht auf Berufsfachschulniveau herunternivellierte) Ausbildung ihrer Studenten, die eben nicht mit exemplarischen „Häppchen“ zu diesem und jenem Sachverhalt abgespeist werden dürfen, sondern – ungegängelt – in forschendem Lernen mit den Essentials des jeweiligen Faches vertraut gemacht werden müssen.

Die deutschen Bildungspolitiker haben 1999 eine grandiose Chance für das deutsche Bildungssystem verpasst: Warum sie anstelle der sklavischen Übernahme des Bologna-Systems nicht eine Überarbeitung des Humboldt’schen Systems zur Anpassung an die heutigen Zahlenverhältnisse in die Wege leiteten, bleibt ihr Geheimnis. Ein solches Modell hätte dem deutschsprachigen Raum eine Schlüsselstellung in der universitären Bildung eingebracht; es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Länder Mittel- und Osteuropas dieses Modell übernommen hätten. Was wir an dessen Stelle heute haben, lässt einen für die Zukunft der deutschen Universität, zu deren Markenzeichen einst Wahrheitssuche und Freiheit der Forschung zählten (beides ist schwer gefährdet), Schlimmstes befürchten.

Prof. Dr. Volker Honemann,

Berlin-Wilmersdorf

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