Leserbriefe : Damals und heute

„Gedenken an Benno Ohnesorg – in neuem Licht“ vom 3. Juni

Ich möchte die Forderungen der Opferverbände nicht in Abrede stellen. Mögen sie diese erheben, wo immer, wann immer und wem gegenüber auch immer – nur nicht hier.

Die Initiatoren des Mahnmales hatten anderes im Sinn: Sie wollten des Todes eines jungen Studenten gedenken, der am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration durch den Schuss aus der Pistole eines Polizisten zu Tode kam. Für die Menschen aus kirchlichen, sozialdemokratischen und grünen Zusammenhängen spielte der Schütze keine Rolle, ihnen ging es um den Getöteten.

Es galt in den 80ern, den Widerstand gegen ein solches Gedenken zu überwinden, denn die Deutsche Oper, die CDU- Mehrheit im Bezirk und im Land blockierten jegliche Initiative. Es ist den Initiatoren und ihrem Beharren auf ein Gedenken zu danken, dass ein Teil des von Alfred Hrdlicka geschaffenen Tryptichons nahe der Oper heute an den sinnlosen Tod eines jungen Menschen erinnert. Nicht weniger aber auch nicht mehr.

Heinrich Lummer, ehemaliger Innensenator (der Westhälfte) Berlins und als Hardliner der CDU sicher kein Freund der Linken, sprang über seinen schwarzen Schatten, als er der Enthüllung des Reliefs „Tod eines Demonstranten“ beiwohnte und des Todes gedachte. Möge dies als angemessenes Verhalten gelten.

Die Informationstafel am Todesort von Benno Ohnesorg in der Krummen Strasse mag man ergänzen, wenn es denn in diesem Zusammenhang notwendig erscheint, die MfS-Tätigkeit des Schützen zu erwähnen. Wobei man jedoch warten sollte, bis verlässlich aus den Reihen des (west-) Berliner Verfassungschutzes erklärt werden wird, dass der Schütze nicht auch noch auf dessen Gehaltliste stand …

Stephan Noe, Berlin-Charlottenburg

„Ironie der Geschichte“

von Marek Dutschke vom 26. Mai

Es hat etwas Erheiterndes, wenn Marek Dutschke schreibt, „am Anfang der 60er Jahre herrschte ein blindes Streben nach Wohlstand. Der Spießbürger wollte seine Ehefrau am Herd, ein gutes Auto und finanzielle Sicherheit …“

Wie sind die Fakten? „Die Frauenbeschäftigung kletterte von rund 49 Prozent 1960 auf rund 51 Prozent Mitte der 80er Jahre und anschließend – boombedingt – auf rund 56 Prozent bis Anfang der 90er Jahre.“ (Friedrich-Ebert-Stiftung). Fast die Hälfte der Frauen ließ sich also nicht mehr an den Herd fesseln oder musste hinzuverdienen.

Die Reduzierung der Spießbürgerquote brachte also auch in den folgenden 30 Jahren nur geringe Fortschritte, trotz der Modernisierung West-Deutschlands, für die der Tod Ohnesorgs eine Initialzündung war (Dutschke). Vielleicht ist man, mit der Gnade der späten Geburt geschlagen, doch nicht so ganz in der Lage, die volkswirtschaftlichen Umstände der 60er in die Betrachtung einzubeziehen. In welchen Bereichen hätte in einer viel stärker im primären und sekundären Sektor wirtschaftenden Gesellschaft eine höhere Frauenquote untergebracht werden können? Im Bergbau begann gerade der Abbau von männlichen Arbeitsplätzen.

„Ein gutes Auto“ war damals in der Regel ein VW Käfer und finanzielle Sicherheit als Ziel sagt noch nichts über Einstellungen, kulturelles Interesse, Wahlpräferenzen. Alle Opel- und Arcandor- Mitarbeiter möchten aktuell finanzielle Sicherheit. Spießbürger? Das „blinde Streben nach Wohlstand“ bestand für den Großteil der Bevölkerung in der Möblierung der ersten eigenen Wohnung, deren Erwirtschaftung damals eine arbeits- und kostenaufwändige Sache war, und höchstens einer bescheidenen jährlichen Urlaubsreise. Restaurantbesuche waren die Ausnahme.

Besonders widersinnig wird’s am Ende, wenn behauptet wird, diese modernisierenden Kräfte (Vater Dutschke, Joschka, Schröder, proporzkoalitionär werden noch Dahrendo rf und Langguth (RCDS!) genannt, hättendas bundesdeutsche Modell attraktiv für die DDR-Bürger gemacht und somit zum Zusammenbruch der DDR beigetragen. Bis 1961, 13. August, hatten bereits 2,7 Millionen den Weg in die noch nicht attraktivierte Bundesrepublik Deutschland angetreten.

Bernd Müller, Berlin-Rudow

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