Leserbriefe : Darf Pflege ein Geschäft sein?

Zur Berichterstattung über Pflege

Wenn ein Seniorenpflegeheim errichtet wird, ist dies auf den ersten Blick eine gute Sache. Schließlich werden wir alle älter, viele von uns werden ihren Lebensabend in einer vollstationären Pflegeeinrichtung verbringen (müssen).

Diese Aussicht weckt jedoch auch Begierden: Mit Pflegeeinrichtungen lässt sich viel Geld verdienen, längst ist die steigende Anzahl alter und pflegebedürftiger Menschen in den Blickpunkt gewinnorientierter Trägerorganisationen geraten. Dies erklärt den schier unglaublichen Boom, der neue Pflegeheime wie Pilze aus dem Boden schießen lässt. Investoren planen gigantische Zentren. Um den angestrebten Profit erreichen zu können, müssen andere Plätze verschwinden: Ein knallharter Verdrängungswettbewerb um Anteile im „Pflegemarkt“ zwingt Heime, die unter teureren Konditionen (z. B. in angenehmer und somit teurer gelegener Umgebung) hilfsbedürftige Menschen pflegen, zur wirtschaftlichen Konkurrenz. Einsparungen bei Anzahl und Qualifikation der Pflegekräfte, Qualität der Verpflegung usw. sind die zwingende Folge. Modernere, menschenfreundlichere Pflegekonzepte, die familiäre Pflegegruppen in kleinen Wohneinheiten vorsehen und auch dem alten Menschen seine Selbstbestimmung und Gestaltungsfreiräume bewahren sollen, finden in dieser Maschinerie keinen Platz. Anstatt die Gelegenheit zur Umgestaltung zu nutzen, werden diese aufwendigen Konzepte in die Schublade gesteckt und nur zahlungskräftigen Senioren in einer kleinen Nische angeboten. Der Großteil der Alten wird sich mit dem zufrieden geben müssen, was die „Marktführer“ für sie vorsehen: rationelle Versorgung im großen Stil. Auch eine noch so aufopfernde Pflege des (unterbezahlten) Personals wird nicht kompensieren können, was aus Wirtschaftlichkeitsgründen an strukturellen Defiziten produziert wird. Der alte, pflegebedürftige Mensch wird zur Handelsware und Verschiebemasse in einer immer aggressiveren „Pflegeindustrie“ – beworben in Hochglanzprospekten finanzkräftiger Trägergesellschaften.

Dr. Hans-Peter Mieg,

Berlin-Hermsdorf

Sehr geehrter Herr Dr. Mieg,

die Besuche von Altenpflegemessen und den zahlreichen Pflegekongressen in Luxushotels, ein Blick in den Immobilienteil Ihrer Tageszeitung machen deutlich, dass „Pflege“ selbstverständlich ein „boomendes“ Geschäft ist. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass die „Produkte“ Krankheit und Pflege nicht markt- und börsenfähig sind.

Wo elementare Grundrechte und Menschenwürde in Frage gestellt werden, wo es um die tägliche medizinische und pflegerische Versorgung von wehrlosen, kranken und pflegebedürftigen Menschen, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen geht, müssen geschäftliche Interessen ihre Grenzen haben. Es kann und darf nicht sein, dass im harten Konkurrenzkampf von Wohlfahrtsverbänden, privaten und börsenorientierten Anbietern die Würde der Menschen vielfach der Rendite geopfert wird. Daher müssen die Heimträger endlich ihre Zahlen offenlegen, ihre Qualitätsberichte veröffentlichen. („Wer nichts zu verbergen hat …!“) Ehrliche, gut geführte Heime haben keine Probleme mit Transparenz und unangemeldeten Kontrollen. Der „Pflegeheimführer Berlin“ des Tagesspiegels ist dazu ein bundesweit einmaliger, vorbildlicher Beitrag zur notwendigen Transparenzoffensive!

Besonders absurd und grotesk ist es, dass in diesem System zum Beispiel erfolgreiche, aktivierende und rehabilitative Pflege durch „Rückstufung“ bestraft wird … das „Pflegen in die Betten“ wird finanziell belohnt! Es ist pervers, ein ethischer und volkswirtschaftlicher Irrsinn, wenn zum Beispiel die Behandlung von Dekubitalgeschwüren und Oberschenkelhalsbrüchen in Kliniken „zur wirtschaftlichen Führung eines Hauses gebraucht werden – also ein Wirtschaftsfaktor sind!“ (Zitat eines Chirurgen)

An den Folgen gefährlicher Pflege werden im System Milliarden verdient! Dabei können durch Prophylaxe, Rehabilitation vieles an Leid und Kosten gespart werden. Selbst „Magensonden“ und „saugfähige Windelprodukte“ sind im Pflegealltag zu „pflegeerleichternden Maßnahmen“ geworden – ebenfalls ein lohnendes Geschäft – zu Lasten pflegebedürftiger Menschen und engagierter Pflegekräfte.

Die Prioritäten in der Gesellschaft stimmen mich allerdings nachdenklich … Die öffentliche Diskussion um die artgerechte Haltung von „Knut“ oder die Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes wird anhaltender und leidenschaftlicher geführt, als die Absicherung einer menschenwürdigen Pflege unserer Eltern, Großeltern und beziehungsweise unserer eigenen Zukunft. Dieses Thema wird kollektiv verdrängt! Es geht uns aber - früher oder später – alle an!

Mit freundlichen Grüßen

— Claus Fussek, Dipl. Sozialpädagoge, Mitautor des Buches: „Im Netz der Pflegemafia – Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden“, Fussek/Schober, Bertelsmann Verlag

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