Leserbriefe : Das Kind im Brunnen

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„Der Faktor Mensch“

vom 19. Juni 2006

Seit 1996 berichtet und kommentiert Ihre Zeitung zum Thema BBI in Schönefeld fast ausschließlich auf der Linie der planenden Behörden und der Flughafengesellschaft. Zu Kaisers Zeiten wurde dieser Stil „Hofberichterstattung“ genannt, weil die nötige Ausgewogenheit fehlte.

Dass es wegen Schönefeld Standort-, nicht Flughafengegner, gab und gibt, wurde – wenn es sich nicht vermeiden ließ – am Rande erwähnt, um auch mal auf die „Verbohrten“ und „Unverbesserlichen“ hinzuweisen, die den Berlinern die Superidee eines neuen Single-Großflughafens (ökonomisch zwingend erforderlich, Jobmaschine!!!) „vor ihrer Haustür“ vermiesen wollten. Doch Ihr Leitartikel verschafft Ihnen einen Ehrenplatz unter den Claqueuren.

Sie beginnen: „Berlin wird einen neuen Flughafen bekommen“ … Das könnte heißen, dass auf dem Stadtgelände Freiraum geschaffen wird, um die notwendige Infrastruktur zu errichten. Aber weit gefehlt, Berlin entlastet sich davon, indem es die damit zusammenhängenden Unannehmlichkeiten exportiert. Dank Herrn Diepgen mit Unterstützung durch Herrn Wissmann lässt sich das Projekt nun wunderschön außerhalb der Stadtgrenzen realisieren. Dadurch werden die seit Jahrzehnten latent vorhandenen Unfallrisiken und tatsächlich vorhandenen Umweltbelastungen durch Tegel und Tempelhof beendet und sind (für Berlin) damit aus der Welt geschafft. Im brandenburgischen „Speckgürtel“ können solche Beeinträchtigungen wohl vernachlässigt werden.

Obwohl die Standortgegner seit zehn Jahren mit den planenden Behörden um den „Faktor Mensch“ kämpften, entdecken Sie ihn jetzt plötzlich in 267 Seiten Juristendeutsch wie eine Erlösung. Das war leider keine gedankliche Hochleistung. Nachdem das „Kind“ dank fehlender Medienunterstützung für die Unsinnigkeit des BBI in den Brunnen des Leipziger Bundesverwaltungsgerichtes gefallen ist, wirken nachträglich vorgetragene humane Gesichtspunkte wie Hohn.

Leider haben Sie für den „Faktor Mensch“ keinen Zahlenwert angegeben, dann hätte der Leser schnell erkennen können, welch hoher Wert Ihnen für die unter Fluglärm und Unfallrisiken leidenden Berliner Bürger vorschwebte – und welch geringer für die später vom BBI betroffenen Anrainer Schönefelds.

Über 130 000 Betroffene mit ihren Einwendungen, Freizeit- und Geldopfern, etwa 3600 Klagen in Leipzig haben nicht gereicht, um wenigstens Nachdenklichkeit zu erzeugen. Im Ergebnis werden die Anrainer mit einem fünfstündigen absoluten (?) Nachtflugverbot abgespeist. Und drei Stunden Nachtrandzeit werden wohl auch noch den Flugbewegungen geopfert.

Nun ist auch wieder bestätigt worden, dass der Faktor Mensch nur bis zur Stadtgrenze reicht. Dahinter gibt es entweder keinen solchen Faktor oder keine …

Ulrich Schneider, Blankenfelde

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