Leserbriefe : Das Publikum stimmt mit den Füßen ab

„Oh, wie schön ist Rokoko! / Schon wieder Streit um Berlins Staatsoper: Bei der Sanierung favorisiert die Jury einen modernen Saal. Der Senat ist dagegen“

von Frederik Hanssen vom 20. Mai

Da hat die DDR einmal was richtig gemacht, als sie sich dem Diktum des extra aus Übersee herbeigeholten Architekten Paulick unterwarf. Der ließ die verschiedenen Versionen des Knobeldorff’schen Baus der Staatsoper in einer neuen, historisch überformten und gleichwohl genialen Symbiose wiedererstehen. Das 50-jährige Bestehen des Wiederaufbaus haben wir erst kürzlich gefeiert. Und das soll nun umsonst gewesen sein? Da glaubt nun eine Jury, diesem herrlichen, auch im Inneren auf Operngenuss inspirierenden Bau auf neuzeitliche Architektursprache trimmen zu müssen.

Die Form folgt der Funktion, diese mit alter Bauweise oft unvereinbare These, ist kein unverrückbares Axiom. Sondert fordert auch mal zur Antithese: Sollte ein Opernbau nicht dem Guten und Schönen frönen? Und das erwächst eben nicht allein aus dem Diktat der Funktion, sondern oft auch aus Opulenz und weichen, harmonischen, körpernahen Formen. Die können sogar Putten beinhalten. Und wenn die alljährlich steigenden Besucherzahlen sich hauptsächlich der Staatsoper verdanken, und nicht der Deutschen Oper, dem alten Primus unter den Opernhäusern, dann bestimmt nicht nur aufgrund der jeweils dargebotenen Kunst. Sondern es ist auch eine Abstimmung den mit Füßen – über den jeweiligen Zuschauerraum. Dort die scheinbar alte Pracht, hier die Nüchternheit eines Vorlesungssaals, inklusive harter Schalenstühle. Zum universellen Kunstgenuss zählt eben auch, wo die Kunst stattfindet, und nicht deren kalte Abstraktion.

Darum, liebe Architekten: Hört auch mal auf euer Herz. Es ginge nicht anders, der Akustik wegen? Wie arm ist das denn! Auf, auf, macht euch an die Arbeit. Vereint die Funktion mit dem Guten, Schönen der jetzigen optischen Form.

Bitte, lieber Senat und Bundeseigentümer: Seien Sie mutig und widersetzen Sie sich dem Votum der Jury! Lassen Sie den Sozialismus nicht posthum noch über Knobelsdorff siegen. Das Publikum wird es Ihnen danken.

Gunter Bauer, Berlin-Kreuzberg

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