Leserbriefe : Das Unbehagen mit den beiden Ks

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„Die Unmögliche“ vom 20. März 2006

Wird es in Deutschland einmal so weit kommen, dass eine Frau Karriere und Kinder haben darf, ohne negativ oder positiv kommentiert zu werden? Der Artikel über Ursula von der Leyen bringt das emotionale Unbehagen zum Vorschein, welches die beiden „Ks“ dem Journalisten und Teilen der Politik zu bereiten scheinen. Wir lesen, dass Frau von der Leyen provoziert, hämisch als „Supermutti“ bezeichnet wird, den Ruf der allzu ehrgeizigen Karrierefrau mit Großfamilie hat, die ganze Familienherrlichkeit mit dem Geld des Vaters oder Ehemanns erkauft sei, und schließlich – warum muss sie all den Menschen mit ihren kleinen Fehlern vorleben, wie perfekt sie ist? Stellen wir uns einmal vor, dieser Bericht ginge über einen Mann, dann würde all dies gar nicht so schlecht klingen.

Nicht wahr? Mittelmäßigkeit und Sexismus sind ok, eine Karrierefrau mit Kindern ist jedoch verdächtig. Perfektion erweckt Misstrauen. Und so ist es nicht überraschend, dass 9 von 10 Professoren (W-3) in Deutschland männlich sind, und über 40 Prozent der Akademikerinnen kinderlos bleiben. Dies beschert uns zweierlei: auf der einen Seite weniger Geburten und auf der anderen kaum Frauen in Führungspositionen. Beide Probleme haben dieselbe mentale Ursache, das deutsche Unbehagen mit den beiden Ks. Schade, dass selbst der Tagesspiegel dazu beiträgt, dieses Unbehagen am Leben zu erhalten.

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,

Geschäftsführender Direktor Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin-Wilmersdorf

Ursula von der Leyen kann also Karriere und Familie gut miteinander verbinden. Mir bleiben viele Fragen. Jemand anders wird sich wohl um das kleine Familienunternehmen samt Kindern, Ponys, Lämmern kümmern müssen, wenn zum Schlafen nachts nur noch fünf Stunden bleiben.

Die Politikerin würdigt ein Buch über Karrierefrauen und über „Erfinderinnen“. Schade, dass sie kaum dort vor Ort sein kann, wo Eltern ihre Kinder nicht mehr erziehen und begleiten können, weil sie sich überfordert fühlen und arbeiten müssen. Da müsste in dieser Gesellschaft noch viel erfunden werden.

Andreas Westerbarkei,

Berlin-Prenzlauer Berg

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