Leserbriefe : DDR-Historiker zum 8. Mai 1945 hören

-

„Umfrage zum 8. Mai 1945 – worüber streiten Historiker heute?“ vom 6. Mai 2005

In der Umfrage ist von verschiedenen Erinnerungskulturen in der Bundesrepublik und der DDR zum 8. Mai die Rede, ein Historiker aus der DDR kommt aber nicht zu Wort. Die unter Hitler vertriebenen Historiker, von denen viele nach 1945 in der DDR eine berufliche Chance bekamen, sind, außer Ernst Engelberg und Wolfgang Ruge, zwar nicht mehr am Leben. Aber es lohnt sich, DDRHistoriker der nächsten Generation zu befragen, etwa Walter Schmidt (dessen Vater von den Nazis umgebracht wurde), Werner Berthold (der als Schüler Kontakte zum Widerstand aufnahm) oder Jan Peters (der im schwedischen Exil aufwuchs).

Stattdessen darf Ernst Nolte Heydrich und Himmler rechtfertigen. Was den Juden angetan wurde, sei, so Nolte, „ungerecht“. Er fährt fort: „Dennoch sollte die Frage als zulässig gelten, ob nicht der falschen Rede vom ,jüdischen Bolschewismus’ ein Körnchen Wahrheit innewohnt.“

Was den Juden insgesamt angetan wurde, war ungerecht, doch die Ermordung jüdischer Bolschewiken sei zu verstehen? Darauf läuft Noltes Beitrag in der Tat hinaus. Ja, es gab „jüdische Bolschewiken“, so Ales Adamowitsch, Partisanengeneral in Bjelorußland und später ein Aktivist der Perestrojka unter Gorbatschow, oder den Österreicher Franz Marek, führend in der Résistance in Paris und später um die Demokratisierung des Kommunismus bemüht. Sie setzten sich für eine politische Kultur ein, in der ein noch so subtil geäußerter Antisemitismus wenigstens nicht mehr in die seriöse Presse gelangen sollte. Leider vergeblich, wie Noltes Äußerung im Tagesspiegel zeigt.

Dr. Mario Keßler, Berlin-Hohenschönhausen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben