Leserbriefe : DDR – Land der fein abgestuften Privilegien

Zum Interview mit Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei) vom 9. April

Die Beschönigung der Lebensverhältnisse in der DDR durch Menschen, die dort nicht gelebt haben nimmt zu, offen oder verdeckt wie zuletzt im Interview mit Frau Knake-Werner. Sie hat positive Ansätze gesehen bei der Integration von Frauen ins Berufsleben, der sozialen Lage, der Kinderbetreuung.

Die Wirklichkeit war, dass jede Arbeitskraft wegen der geringen Produktivität der Wirtschaft gebraucht wurde. Daraus ergab sich zwangsläufig der Ausbau der Kinderbetreuung. Frauen in leitenden Positionen gab es genauso wenige wie in der BRD. Und was die sogenannte soziale Lage anbelangt, hat sie wohl nicht genau hinsehen können oder dürfen. Die DDR war das Land der fein abgestuften Privilegien, beginnend oben bei den Regierungsvertretern, über die hohen Funktionäre zu den mittleren mit diverser Bevorzugung bei Ferienplätzen und Versorgung, Menschen mit unerklärlich hohem Einkommen, die sich die Preise in den Delikat- und Exquisit-Läden leisten konnten, Bürgern der DDR mit Westverwandschaft mit Zugang zur D-Mark, die im Intershop einkaufen konnten, Menschen in Schlüsselpositionen, die Beziehungsgeflechte aufbauten, um an Mangelware zu gelangen. An letzter Stelle stand die alleinstehende Rentnerin. Die sozialen Unterschiede waren genauso groß wie in jedem europäischen kapitalistischen Land, nur auf einem anderen Niveau. Frau Knake-Werner hätte gut zu tun gehabt.

Es gab keine positiven Ansätze, auf keinem Gebiet. Tatsache ist, dass die Vereinigung mit der BRD die DDR nicht aus einem wirtschaftlichen und damit verbundenem sozialen Aufschwung gerissen hat, sondern eine rasante Talfahrt mit ungewissem, auf jeden Fall verheerenden Ausgang beendet hat. Die Menschen wären im Herbst 89 nicht unter hohem Risiko auf die Straße gegangen, wenn sie positive Ansätze gesehen hätten. Zur Klarstellung : Kein nur einigermaßen mit Vernunft begabter Mensch will den Bürgern der DDR ihre Lebensleistung nehmen oder gar behaupten, dass man damals kein glückliches Leben führen konnte.

Dieter Gabriel, Berlin-Lichtenrade

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