Leserbriefe : DEBATTE UM HISTORISCHE VERGLEICHE Wird das Vaterland untergehen?

Unser Leser Klaus Stephan kritisiert, dass der Landeschef der Berliner CDU die Wähler beschimpfe. Christoph Stölzl antwortet.

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Betrifft: „Berliner Parlament debattiert über Stölzl – Falsche Empörung“ im Tagesspiegel vom 26. September 2002

Ihr Kommentator hat Unrecht, wenn er die Parlamentsdebatte über Christoph Stölzl als „falsche Empörung" tituliert. Wenn das Geplapper der Noch-Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin im Hinterzimmer einer badischen Weinstube unter anderem auf Druck der Medien dazu führt, nicht mehr ministrabel zu sein, muss die vom Historiker Christoph Stölzl in aller Öffentlichkeit geäußerte Beschimpfung der Wähler zumindest auch ein adäquates, öffentliches Nachspiel haben.

Durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zieht sich wie ein roter Faden die Tatsache, dass konservative Politiker das Verfehlen oder Verlieren der Macht stets als Untergang des Vaterlandes dargestellt haben. Die Demokratie war danach eigentlich immer nur dann in Ordnung, wenn die Konservativen regierten und die Sozialdemokraten die Opposition spielen durften. Dass auch Professor Stölzl, wenn er die „Parteijacke" der CDU angezogen hat, dieser Einstellung huldigt, ist schon bemerkenswert!

Klaus Stephan,

Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Stephan,

die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland die Zeit wirtschaftlicher, moralischer, politischer und militärischer Katastrophen. Da nimmt es nicht Wunder, dass in der politischen Sprache der Bundesrepublik noch ein Echo davon zu hören war.

Sie haben Recht, manches aus der Wahlkampfrhetorik der CDU/CSU aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts klingt heute hohl. Aber wer sich über des alten Adenauers Sorge über einen denkbaren „Untergang des Vaterlandes" mokiert, den muss man an den tatsächlich labilen Stand der jungen Bundesrepublik auf des Messers Schneide zwischen Ost und West erinnern. Die deutsche Linke, allen voran die Sozialdemokratie, hat lange an einen neutralistischen „dritten Weg“ zwischen den Blöcken geglaubt. Als langfristig erfolgreich hat sich aber die unverbrüchliche Westbindung erwiesen. Sie rettete Berlin, und sie ermöglichte schließlich die Wiedergeburt des Vaterlandes in der deutschen Wiedervereinigung.

Die deutsche Linke erinnert sich nicht gern an ihren Fundamentalwiderstand gegen den Beitritt der Bundesrepublik in die westliche Verteidigungsgemeinschaft. Und niemand mag mehr an die vom linken Pazifismus mobilisierten Massenproteste gegen die „Nachrüstung“ denken- weil diese schließlich Glasnost und Gorbatschow bewirkte. Bei all dem wurde links der „Untergang“ nicht nur des Vaterlandes, sondern gleich der ganzen Welt reichlich oft bemüht.

Ähnliches gilt von der ökologischen Bewegung. Auch sie war nicht sparsam im Umgang mit Untergangsbeschwörungen. Beide Lager sind also wohl quitt; pharisäische Wortkritik könnte man sich sparen.

Was mich an Ihrem Brief aber noch mehr wundert, ist die Gleichsetzung von heutiger CDU/CSU mit „den Konservativen". Konservativ ist in meinen Augen, wer die Verhältnisse nicht ändern will. Das war in den letzten vier Jahren die SPD. Sie hat hartnäckig an unserem erfolglosen, verkrusteten, immobil gewordenen Verhältnis von Wirtschaft, Staat und Arbeit festgehalten, hat vor der demographischen Entwicklung den Kopf in den Sand gesteckt: „Alle denkbaren Fehler hat sie in der ersten Legislaturperiode gemacht" (Tagesspiegel-Leitartikel von gestern). Darf man über eine Wahl, die das nun fortsetzt, nicht unglücklich sein?

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Stölzl

Vizepräsident des Abgeordnetenhauses,Landesvorsitzender der Berliner CDU

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