Leserbriefe : Deisler ist ein Opfer seiner Kunst

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„Schwere Gedanken“ vom 20. Oktober und „Auszeiten der Seele“ vom 23. Oktober 2004

Sebastian Deislers Depressionen haben nichts Spektakuläres wie Kapsel oder Bänderrisse, sind keine Wunden, die man sich auf dem Feld zuzieht. Depressionen sind Schluchten entlang des Traumpfades auf der Suche nach der Vision, dem ultimativen Spiel, in dem man stürzen kann, in das man vielleicht auch einfach nur mal leichtsinnig einsteigt, als Spieler, als Sucher, als Kreativer.

Depressionen, das sind Türen in die magischen Theater der Erfolgsgeschichten hinter denen man sich plötzlich auf der Bühne wieder findet, schutzlos in der Rolle des Idioten. Depressionen sind der unsichtbare Gegner, der immer wieder nachtritt und keiner pfeift ab.

Was Deisler erlebt, wenn er Fußball spielt, weiß nur er allein. Was er erlebt, wenn er sich mit „seinem Spiel“ auseinander setzt, ebenfalls. Es ist seine Kunst, sein Spiel, an dem er leidet. Genau das Spiel, das uns alle mitleiden lässt Woche für Woche. Kreativität ist die seltenste Pflanze, die in Deutschland auf dem Fußballrasen wächst. Da wird viel zu oft geackert, gepflügt und umgemäht. Doch wenn einer wie Deisler blüht, bekommt das Spiel die Leichtigkeit des Seins. Deisler hat sicher viel zu sagen, zum Traum vom leichten Spiel, vom Tanz im Wind, vom Flug über das Fußballnest.

Stefan Groß, Berlin-Moabit

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