Leserbriefe : Demokratische Internationale

„Auf der Suche nach der neuen Linken“

von Frank Jansen vom 27. Mai

Ich glaube nicht, dass wir gut beraten sind, davon auszugehen, dass wir national wie international im Kapitalismus leben. Andernfalls würde Marx bestätigt, dass in der Geschichte alles zweimal auftaucht: einmal als Tragödie, einmal als Farce (Lob oder Kritik des Kapitalismus). Die Suche nach der neuen Linken ist heute so überflüssig wie die Kritik des Kapitalismus, der, wie die Wirtschaftswissenschaft unisono lehrt, so wenig lebensfähig und attraktiv ist wie der Sozialismus, den Marx kritisiert hätte, weil er nicht die Assoziation der sich selbst regierenden Freien ist.

Auf der Tagesordnung steht Kritik der Demokratie, also das Messen unserer Gesellschaft an unseren sehr hohen Maßstäben: Freiheit, Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit, Volkssouveränität. Hierin sind wir im Vergleich mit der angloamerikanischen Gesellschaftskritik ziemlich ungeübt und schwach. Wir begreifen uns immer noch als Kapitalismus und nicht als Demokratie, die ihre Demokratisierung zum Beispiel dadurch verantwortet, dass sie die Wirtschaft national wie international im Sinne des Demokratischen und eben nicht des Sozialistischen oder Liberalistischen gestaltet. Eine Demokratie mit Eigentum an Produktionsmitteln ist kein Kapitalismus. Nicht allein, weil die Eltern des Grundgesetzes mit Artikel 14 und 15 ausgeschlossen haben, dass sich die junge Demokratie zum Kapitalismus oder Sozialismus wandelt. Es ist auch nicht im Sinne der Wirtschaft, kapitalistisch zu sein, eben weil der Kapitalismus sein eigener Totengräber ist.

Die erfolgreichen Elemente in der Wirtschaft haben gelernt, Demokratie wertzuschätzen und so die Auffassung John Deweys bestätigt, dass jene in dieser am besten gedeiht. Wo es keine Kapitalisten gibt, gibt es auch keinen Kapitalismus und ist eine (antikapitalistische) Linke so überflüssig wie die (antikapitalistische) Rechte, die mit Demokratie, wenn auch aus anderen Gründen, nicht weniger auf Kriegsfuß steht als die Linke.

Wir brauchen demokratische Helden, weil wir weder national noch international ausreichend demokratisch sind, nicht einmal in den Demokratien. Es ist das Demokratische, das uns über unsere Parteigrenzen hinweg verbindet und ermöglicht, gemeinsam die Gerechtigkeit der globalen Welt zu verbessern, also Demokratiekritik in Theorie und Praxis zu leisten, weil es enthält, was uns heilig ist: Freiheit, Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit und kollektive Selbstregierung. Auf zur demokratischen Internationale!

Dr. Berno Hoffmann,

Berlin-Charlottenburg

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