Leserbriefe : Der alltägliche Rassismus

„Deutschland, deine Heuchler"

vom 21. Oktober

Der Rezensent zeiht Walraff der Übertreibung, indem er sagt: „Diese Afrikaner wären klug genug gewesen, niemals in den Zug voller Fans von Dynamo Dresden zu steigen." Ich möchte Ihnen dazu eine Geschichte aus dem wahren Leben erzählen: Im Jahr 2000 gerieten wir, eine Gruppe bestehend aus einem in Deutschland aufgewachsenen Togolesen, seiner deutschen Freundin, drei weißen Rastas und ein Kleinkind, dessen Vater Nigerianer ist, in diese Situation. Wir fuhren von Hamburg nach Berlin, Zwischenstopp Magdeburg, 22 Uhr. Jetzt sagen Sie mir, was klüger ist für einen Afrikaner: Mit diesem Zug zu fahren, in dem wenigstens der BGS präsent ist, oder allein, ohne Schutz, auf dem Magdeburger (!) Hauptbahnhof die nächsten zwei Stunden zu überstehen. Ohne zu wissen, ob der nächste Zug weniger Nazis/Hooligans enthalten und ob er Polizeibegleitung haben wird. Wir wählten den Zug. Und mussten uns die ganze Fahrt beschimpfen und bedrohen lassen: „Wenn die da (BGS) nicht wären, würden wir euch aus dem Zug schmeißen, so schnell könntet ihr gar nicht gucken!“

Ich halte Ihren Rückschluss (Kluge Afrikaner steigen nicht in solche Züge) für bedenklich. Es wurden Menschen aus S-Bahn Zügen und Straßenbahnen geworfen. Sollen Dunkelhäutige jetzt auch so „klug“ sein, die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr zu benutzen? Das Problem ist nicht, wie klug gewählt ein Zug ist, das Problem ist, dass es Rassismus gibt in diesem Land!

Simone Gloe, Berlin-Neukölln

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