Leserbriefe : Der morbide Charme des Authentischen

Zur Berichterstattung über den Umbau des Neuen Museums



Nach einem ersten „First View“ lässt sich eines dem Chipperfieldschen Umbau des Neuen Museums nicht absprechen: dass der Anschluss an das 19. Jahrhundert fehle. Im Gegenteil: Trümmerromantik pur! So wie man damals alte Ruinen künstlich neu errichtete, um sich an der glorreichen Vergangenheit zu ergötzen, so lässt man auch hier die Chance ungenutzt, historisch korrekt Vergangenes in alter Pracht wieder auferstehen zu lassen. Sondern verdingt sich als Sklave des Gebrochenen, Zerstörten. Das mag bei manch verblichenen, ausgefransten Fresken den morbiden Charme des Authentischen haben, aber bei zig Meter hohen, nackt unverputzten Ziegelsteinwänden fragt der Besucher sich doch, ob man in der kriegs- und nachkriegszerstörten Stadt nicht genug davon habe. Warum nicht eine halbverfallene Fabrik als Zitat der Zerstörung konservieren, warum muss es die alte, neue Goldene Mitte Berlins sein? Mögen einige Touristen sich an der Kombination aus Antike und neuzeitlich-betonierter Kriegszerstörung ergötzen. Eine Chance birgt diese Art der Konservierung: Dass spätere Generationen die schöne, alte Pracht des Neuen Museums in Gänze wiederherstellen können. Wie hörte der Berliner Besucher offensichtlich Auswärtige im oberen Mythologischen Saal sagen: „Die sind hier offenbar nicht ganz fertig geworden“.

Gunter Bauer, Berlin-Kreuzberg

Herr Chipperfield ist damit konfrontiert, dass sein Vermeiden einer Rekonstruktion des „Neuen Museums“ auffällt. Die Fassade hat einen Bruch, und seine neutralen Blöcke im kriegsgekennzeichneten Treppenhaus füllen es nur, wo Stüler hingegen so etwas wie „Aufstieg zum Olymp“ hatte. Da wirkt die Rechtfertigung „Dokumentation der Ruine“ unbefriedigend. Ich muss an das krasse Gegenbeispiel denken: In Barcelona versucht man, Gaudis „Sagrada Familia“ zu vollenden, obwohl die Unterlagen unvollständig sind, und wo man an der ganzen Sache Zweifel haben kann und Herr Chipperfield eher gebraucht werden könnte mit seiner eigenen künstlerischen Ergänzung. Dort will man also den Geist von Gaudi und dessen Dom. Was wäre dort eine Ergänzung, zu der notwendig erklärt werden müsste, dass 50 Jahre brachliegender Bau damit dokumentiert werden soll? Das hier ist demgegenüber wie Fallengelassen.

Jürgen Spiegel, Berlin-Neukölln

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