Leserbriefe : Der oberste Hirte lässt seine Schafe im Regen stehen

Zum Porträt von Kardinalsdekan Angelo

Sodano von Benjamin Lassive vom 7. April

Ich hatte den Aufschrei der Medien, speziell des Tagesspiegels schon vermisst. Ich gehöre nicht zu den Betroffenen, Habe auch keine Kinder, die davon betroffen wären.

Aber als stets aufmerksame Zeitgenossin hatte es mir fast die Sprache verschlagen, als ich die Rede des Kardinalsdekans Sodano im Radio hörte. Das war eine schallende Ohrfeige ins Gesicht eines jeden Betroffenen! Aber, was Sie in dem Porträt zitieren, ist ja noch nicht alles – es fehlt der (unglaubliche!) Vergleich mit Jesus Christus, der ja auch verleumdet und verfolgt und von bösen Zungen beleidigt wurde! Ich weiß nicht, was schlimmer ist: diese Rede oder die Tatsache, dass die Masse der Gläubigen Beifall zollte? Wie verblödet ist der Mensch in der Masse? Mir hat dieser Ostersonntag jedenfalls den letzten Respekt vor der Institution der katholischen Kirche geraubt; ich habe zu viel im Laufe meines Lebens in Bezug auf diese Einrichtung mitbekommen.

Jesus Christus hätte sich eigentlich im Grabe umdrehen müssen, wenn er denn in einem solchen läge.

Christine Teich-Paßkönig,

Berlin-Wilhelmstadt

Die berechtigte Kritik am Pontifex und am Verhalten des Vatikan im Zusammenhang mit der weltweiten Vertuschung von Missbrauchsfällen als „unbedeutendes Geschwätz dieser Tage“ abzutun, halte ich gegenüber den Missbrauchsopfern für zynisch und unerträglich!

Volkmar Marschall,

Frankfurt am Main

Nein, keine Empörung, Wir sollten Kardinalsdekan Sodano dankbar sein für seine Klarstellung Die Schuld-und Sühne-Bekenntnisse der katholischen Kirche waren nur „unbedeutendes Geschwätz des Augenblicks“, um mal eben die Wogen zu glätten. Das mag zwar mancher von vornherein so gesehen haben, aber nun haben wir es sogar amtlich. Danke.

Jürgen Roscher, Berlin-Steglitz

„Aus den Dornen wird eine Krone“

von Pater Klaus Mertes SJ vom 4./5. April

Von den vielen Stimmen zum Thema Missbrauch erscheint mir die vom Rektor des Canisiuskollegs im Tagesspiegel abgedruckte als bisher wichtigste und weiterführenste. Sie würdigt in ihrem tiefen Verständnis die Opfer, aktualisiert an ihrem Leid die christliche Osterbotschaft, begreift sie als Gelegenheit und – unüberhörbar – als Aufforderung zum Lernen, nicht nur für Kirche, Schul- und Internatspädagogik, sondern auch für Recht und Politik.

Daneben aus Rom: Auch wenn schon bisher nicht erkennbar war, dass der Papst die brennenden Probleme zur Chefsache macht, erstaunt nun doch noch einmal, dass sie in seiner Osterbotschaft nicht vorkommen – Friedensappelle, Segen – „Business as usual“. Der oberste Hirte lässt seine Schafe im Regen stehen.

Gisela Poser, Berlin-Lichterfelde

Pater Mertes Überlegungen zum Thema „Opfer“ halte ich das für das theologisch Klügste und als Grundlage für die weitere Bearbeitung der Schäden in der Kirche Hilfreichste, was ich bisher dazu gehört oder gelesen habe. Es gehört zu den zentralen Einsichten des Neuen Testamentes, dass das Verhältnis zwischen Stärke und Schwäche, Macht und Opfer immer ein dialektisches ist. Für die Kirche waren es immer schlechte Zeiten, in denen diese Einsicht aus dem Blick geraten ist, und Macht- und Selbsterhalt die handlungsleitenden Motive waren.

Allerdings scheint die innervatikanische Solidaritätsadresse des Kardinals Sodano an den Papst während der Ostermesse eher darauf hinzudeuten, dass die Gefahr der „herabdonnernden Lawine“ offenbar gefühlt, aber in keiner Weise verstanden ist. Sollte diese Gefahr tatsächlich zur Realität werden, wünsche ich der katholischen Kirche möglichst viele geistesgegenwärtige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich daran machen, das Haus der Kirche wohnlicher zu machen, als es jetzt offensichtlich ist. Vielleicht wäre dies auch eine Chance, die ökumenische Gemeinschaft auf neue Füße zu stellen.

Dr. Ulrich Luig, Berlin-Steglitz

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