Leserbriefe : Der Umgang mit dem Holocaust-Gedenktag

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„Wider alle Vernunft“ von Malte Lehming vom 27. Januar

Am 27. Januar 1945 wurden die Überlebenden von Auschwitz befreit. Darunter auch mein Vater und zwei Schwestern. Seine Eltern und vier jüngere Geschwister im Alter von zwei bis 17 Jahren sowie weitere 13 Angehörige der Familien meiner Mutter und meines Stiefvaters wurden ermordet. Für uns Juden ist der 27. Januar kein besonderer Tag. Für uns, die wir mit dem Trauma der Erinnerungen leben, ist jeder Tag ein Gedenktag. Der 27. Januar ist hingegen der Tag, an dem die Deutschen der Verbrechen gedenken sollten, die während des dunkelsten Kapitels ihrer Geschichte in ihrem Namen verübt wurden.

Herr Lehming beobachtet Abstumpfung, angeblich als Reaktion auf zunehmendes Gedenken. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Es ist im Kern nach wie vor die sprichwörtliche Unfähigkeit zu trauern, die der überwiegenden Mehrzahl der Deutschen auch der dritten Generation nach 1945 einen aufrichtigen Umgang mit dem Holocaust unmöglich macht. Sie wird bedingt durch das Monströse des millionenfachen Mordens, das unvorstellbar ist.

Aber wir wissen seit langem: Nur die Konfrontation mit einzelnen Schicksalen lässt Einfühlung, Betroffenheit und Trauer entstehen. Das allein ist das Maß für eine angemessene Erinnerung. Wird diese pädagogische Einsicht „in jedem weiteren Jahr nach 1945 (...) schwieriger“? Wohl kaum. Wie gesagt: Der 27. Januar ist ein deutscher Gedenktag. Die Art und Weise des Umgangs mit diesem Tag legt Zeugnis ab über das Deutschland von heute.

A. G., Berlin (Name der Redaktion

bekannt)

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