Leserbriefe : Der Westen hat den irakischen Diktator aufgerüstet

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Betrifft: „Schräge Töne im Deutschen Friedenskonzert“ vom 17. Februar 2003

Von einem Kommentator, der zu solch einem herausragenden Ereignis wie der Antikriegsdemonstration am Samstag Stellung nimmt, sollte man erwarten können, dass er sich alle Reden anhört und sich nicht einzelne Äußerungen, die nicht dem Gesamttenor entsprechen, sehr parteilich herauspickt. Der Diktator Saddam ist in mehreren Reden scharf attackiert worden, und eine Rednerin wies zu Recht darauf hin, dass viele derjenigen, die versammelt waren oder zu den Organisatoren der Demo gehörten, schon zu einer Zeit gegen die Diktatur im Irak protestiert hatten, als diese von den USA und anderen Regierungen westlicher Industrienationen kräftig unterstützt und hochgerüstet wurde. Dies geschah, wie inzwischen belegt, auch noch nach (!) der vollen Kenntnis der Giftgasattacke Saddams gegen die Kurden.

Jetzt wird von den Befürwortern der BushPolitik plötzlich nur noch auf den bösen Diktator und die Befreiung des Volkes gesetzt, nachdem es in der UNO-Resolution und in den offen geführten Debatten nicht darum, sondern um die versteckten Massenvernichtungswaffen ging. Der zitierte Redner hatte, auch wenn er sich etwas ungeschickt ausgedrückt haben mag, insofern Recht, als Regierungen, auch undemokratische, nicht einfach nach Gutdünken zu jedem beliebigen Zeitpunkt von den mächtigen Nationen ausgetauscht und eingesetzt werden können – vor allem dann nicht, wenn die Mächtigen alles andere als ein Interesse daran haben, dies konsequent zu tun.

Wenn der Kommentator nun rhetorisch fragt, ob „jemand vergessen hat, wer Hitler gestürzt hat“ – übrigens nach dessen Angriffskrieg, nicht durch einen Angriffskrieg von anderen – dann sollte man ihn fragen, ob er vergessen hat, wer viele absolut finstere und diktatorische Regierungen der vergangenen Jahrzehnte nicht nur nicht gestürzt, sondern ihr Überleben gesichert hat?

Jürgen Enkemann, Berlin-Kreuzberg

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