Leserbriefe : Deutsch als Auslaufmodell

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„Zweieinhalb sehr lange Stunden“ vom 14. März 2005

Der Tagesspiegel tut der deutschen Vorentscheidung zum so genannten Song Contest mit der Platzierung im Weltspiegel zu viel Ehre an. Die Veranstaltung hat dies wegen ihres mangelnden Niveaus nicht verdient. Aber jene Weltläufigkeit, die man sich bisher vergeblich zu geben bemühte, findet ja bereits ihre Entsprechung in der Namensänderung der eigentlichen Veranstaltung, dem „Eurovision Song Contest“. Die Anglisierung des Jahrzehnte lang als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ bekannten Klassikers ist damit leider endgültig gelungen.

Nur scheinbar geht es bei der Namensänderung ohne Not um Internationalisierung. Der Kommerz ist der ausschließliche Namensgeber. Schon lange sind es neben den stets tapferen Franzosen nur wenige, die der Umsatz versprechenden Englischsingerei widerstehen. Deutsch ist immerhin die Sprache, die in der EU von den meisten Menschen gesprochen wird – nur scheint sie keiner zu mögen. Ist Deutsch ein Ladenhüter oder Auslaufmodell?

Aber auch die französische Sprache ist zunehmend in Gefahr. Auch die Franzosen konnten die Umbenennung des Grand Prix nicht verhindern; nur sie haben das größere Selbstbewusstsein zum Widerstand gegen die kulturelle Überwältigung durch das Englische, die überall in Europa die Vielsprachigkeit bedroht. Englisch ist wichtig, keine Frage – aber unsere Sprache hat es ebenso wie die spanische, italienische oder französische verdient, international zur Kenntnis genommen zu werden.

Die Nachfrage nach der Sprache von Schiller und Goethe, von Brecht und Grass zu fördern, ist auch Aufgabe der Bundesregierung. Aber was kann man ihr in dieser Hinsicht schon zutrauen, wenn sie selbst den Mädchentag „Girls’ Day“ nennt.

Vorbilder braucht das Land – und die Sprache.

Dr. Peter Fleischmann, Berlin-Wilmersdorf

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