Leserbriefe : DEUTSCHE INTELLEKTUELLE ZUM IRAK-KRIEG Sind Sie ein Kriegstreiber?

Unser Leser Rüdiger Lopatta kritisiert Hellmuth Karasek wegen seiner öffentlichen Unterstützung für die USA. Der Tagesspiegel-Herausgeber antwortet

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Lieber Herr Karasek,

ich bin sehr enttäuscht von Ihnen. Ich hätte nie gedacht, dass ein so belesener Mann wie Sie sich zum Kriegstreiber entwickeln kann. Das macht mir Angst. Haben Sie die Schrecken des Zweiten Weltkrieges oder des VietnamKrieges schon vergessen?

Hatte Hitler das Recht, die Sowjetunion zu überfallen, weil Stalin ein schrecklicher Diktator war? Hitler hat durch seinen Antikommunistischen Feldzug doch den Kommunismus für weitere fünfzig Jahre konserviert! Genau so werden die islamistischen Fundamentalisten jetzt gestärkt aus diesem Konflikt hervorgehen und nicht unsere „westliche Demokratie". Wenn wir friedliebenden Menschen jetzt nicht zusammenhalten, wird das Gesetz des Stärkeren wieder salonfähig. Das darf nicht sein!

Rüdiger Lopatta, Wolfsburg

Sehr geehrter Herr Lopatta!

Was mich an Ihrem Brief stört, ist die Vokabel „Kriegstreiber“, die Sie mir anzuheften suchen, weil ich über die Berechtigung des amerikanisch-englischen Vorgehens gegen Saddam Hussein konträr anderer Meinung als die Friedensbewegung war. „Kriegstreiber“ ist ein Propaganda-Schlagwort aus dem kalten Krieg, das durch die europäische Nachkriegsentwicklung widerlegt wurde. Aufrüstung, Nachrüstung, die schließlich zum Zusammenfall der kommunistischen Regierungssysteme führten, ja noch die versuchte Befriedung des Kosovo (an der die rot-grüne Koalition auch ohne UN-Mandat mit guten Gründen Teil hatte) haben zu einem recht stabilen europäischen Frieden geführt.

Auch vermag ich nicht einzusehen, warum jemand, der die Argumente Tony Blairs für überzeugender und „richtiger“ hält als die Schröders, ein Kriegstreiber sein soll. Ist die Mehrheit des britischen Parlaments, der Volksvertretung der ältesten Demokratie, die zunächst als Einzige (noch vor dem Kriegseintritt der USA) Hitler kriegerisch Einhalt bot, obwohl er ihr Frieden in Aussicht stellte, „kriegstreiberisch“? Sind die Briten in ihrer Mehrheit schlechtere Menschen?

Ich weiß, mit George W. Bush darf ich Ihnen nicht kommen, obwohl es mich verwundert, ja geschmerzt hat, dass auf Friedensdemonstrationen in Deutschland neben den Transparenten „Bush - Mörder“ die Bilder, die den schrecklichen Massenmörder Saddam ebenfalls brandmarkten, mir dringlich fehlten. Nun, das ist jetzt vorbei wie der Krieg und ich frage mich, ob Sie nicht die Bilder der jubelnden Befreiten einen Augenblick wenigstens in Ihrer Haltung irritiert haben.

Aber lassen Sie unsere Regierungen gemeinsam für den Frieden in Irak arbeiten, wie Schröder und Fischer es angeboten haben, statt alte Wunden aufzureißen, zu lecken und Rechthaberei zu reklamieren.

Nur noch eins zu Ihrem Vergleich zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Es war der Krieg zweier Diktaturen, die vorher den Weltkrieg vom Zaun gebrochen oder ermöglicht hatten, indem sie sich Polen räuberisch teilten. Würden wir einen Moment den (zugegebener Maßen angesichts Hitlers Rassenwahn , „Volk ohne Raum“-Darwinismus absurden) Gedanken nachgeben, Deutschland hätte Russland befreien und erhalten wollen, ich glaube der Stalinismus wäre ähnlich zusammen gebrochen wie das Regime im Irak. Amerika hat ja dafür Beispiele geliefert: in Japan wie in Deutschland und zusammen mit den Europäern, im Kosovo wie in Afghanistan.

Wenn man schon historische Vergleiche strapaziert: Napoleon wurde in Deutschland trotz seiner Überfallkriege als Befreier empfunden, weil er die demokratischen Errungenschaften der Revolution „exportierte“. Zunächst zumindest. So wird sich jetzt, im Frieden, entscheiden, und zwar in der Zukunft des Iraks, ob die USA und England, die UN und aber auch Deutschland und Frankreich diese Chance nutzen. Es wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen.Hellmuth Karasek

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