Leserbriefe : Deutschland – ein Land der Rücksichtslosen?

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Foto: ddpddp

„Geist ist ungeil“ von Michael Jürgs vom 2. August

Dass längst schon „schlechtes Benehmen, Menschen beleidigender Umgangston und moralfreie Grobschlächtigkeit nicht mehr nur bei Proletariern typische Erkennungsmerkmale“ sind ist in der Tat erschreckend, aber erstaunen tut es mich nicht.

Die Rücksichtslosigkeit im Umgang miteinander beginnt bei unseren Eliten. Sie leben uns vor, wie man nicht handeln sollte, wie immer mehr aber handeln: Nur das eigene Wohl im Auge, welche Auswirkungen das eigene Handeln für andere hat, interessiert nicht. Das geht bei den Managern los, die Stellen abbauen, um in ihrem Unternehmen Kosten zu sparen, und sich dann fürstliche Boni auszahlen lassen. Oder unsere Politiker: Wie viele hochrangige Politiker haben Gesetzesänderungen durchgesetzt und sind dann nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt in genau die Branche gewechselt, die von ihrer Tätigkeit im politischen Amt am meisten profitiert hat. Prominentestes Beispiel ist der ehemalige „Superminister“ Wolfgang Clement, der sich jahrelang für die Zeitarbeit stark gemacht hat und nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett für die Zeitarbeitsbranche als Lobbyist tätig wurde. Das mag erlaubt sein, aber alle, die gebildeten wie die ungebildeten Bürger dieses Landes, vermögen solches Handeln moralisch einzuordnen.

Es wird uns vorgelebt, dass Werte in diesem Land nichts mehr zählen. Wen wundert es da noch, wenn Dinge, die früher selbstverständlich waren, heute nicht mehr stattfinden: Nur selten erlebt man es noch, dass im vollbesetzten Bus jemand einem älteren Menschen den Sitzplatz anbietet. Oder dass jemandem über die Straße geholfen wird. Oder dass einer Mutter geholfen wird, den Kinderwagen die Treppe zur U-Bahn hinunterzutragen.

Als viel schlimmer aber empfinde ich, dass in unserer Gesellschaft eine grundsätzliche Neigung zur Entsolidarisierung zu erkennen ist. Immer häufiger ist zu hören, dass zum Beispiel Kranke die Kosten für ihre Behandlung selbst übernehmen sollten wenn sie die Krankheit durch ihr Verhalten „mitverschuldet“ haben (Diabetes bei Übergewichtigen, Krebs bei Rauchern). Oder auch die Aussage, „Kinderlose sollten keine Rente bekommen“. Dies sind Entwicklungen, die mir wirklich Sorge bereiten.

Klaus-Peter Wagner, Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrter Herr Wagner,

in der Tat, Solidarität ist ein wesentliches Grundelement unserer gesellschaftlichen Errungenschaften wie zum Beispiel der Kranken- und Rentenversicherung – und es hätte dramatische soziale Folgen, wenn es diese Form von Solidarität nicht mehr gäbe. Auf der anderen Seite warne ich vor allzu schnellen Pauschalisierungen. Schamlos hohe Manager-Boni machen schnell Schlagzeilen und einige Fernsehsender zeichnen mit ihren Doku-Sendungen – zum Beispiel über kaum noch erziehbare Jugendliche – ein Bild der Gesellschaft, das die extremen Auswüchse hervorhebt.

In meiner täglichen Arbeit als Landesbischöfin aber begegne ich sehr viel Rücksichtnahme, Solidarität und Menschen, die ihre christlichen Werte in die Tat umsetzen. Aber das macht selten Schlagzeilen. Allein in meiner Landeskirche mit ihren knapp drei Millionen Kirchenmitgliedern sind mehr als hunderttausend Menschen ehrenamtlich tätig! Sie engagieren sich im ehrenamtlichen Hospizdienst, machen Besuche in Altenheimen, lesen Kindern vor, organisieren Gemeinschaftsfeste, gestalten Gottesdienste und vieles mehr. Vor einiger Zeit haben wir die Initiative „Zukunft(s)gestalten – Allen Kindern eine Chance“ gestartet, die die Folgen der Kinderarmut zumindest abmildern will. So konnten zum Beispiel eine Reihe von Mittagstischen in Schulen aufgebaut werden. Gleichzeitig ist die Initiative eine mahnende Stimme an Politik und Gesellschaft: alle Bürgerinnen und Bürger sind für die Bildungschancen unserer Kinder verantwortlich!

Gerade bei den „Zukunft(s)gestalten“ habe ich erlebt, dass auch die Eliten große Verantwortung übernehmen – damit aber keine Schlagzeilen machen (und oft auch nicht machen wollen). Eine Unternehmerin spendete ihre Vortragshonorare. Als wir das publik machen wollten, winkte sie ab und sagte mir „ich freue mich einfach an dem Gedanken, dass einige Kinder jetzt ordentlich zu essen haben“. Kurzum: ich sehe sehr viele rücksichtsvolle Menschen, die das Gebot der Nächstenliebe in ihrem Leben verwirklichen. Damit es diese auch weiterhin gibt, da gebe ich Ihnen recht, brauchen wir Vorbilder, die Werte vermitteln und vorleben, öffentlich wie im Alltag vor Ort. Menschen mit einer klaren Haltung und mit Rückgrat. Ein Beispiel ist die ökumenische bundesweite „Woche für das Leben“, bei der für ein besseres Miteinander aller Menschen geworben wird. Dieses Jahr hat sich die Initiative unter dem Motto „Gemeinsam – mit Grenzen leben“ besonders für die Akzeptanz von kranken und behinderten Menschen eingesetzt. Dabei ist in Lüneburg ein besonderer Konfirmandenunterricht für Jugendliche mit geistiger Behinderung ausgezeichnet worden. Wöchentlich treffen sich dort Gruppen mit insgesamt bis zu 100 Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Behinderungen. Da wird soziales Lernen konkret.

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ heißt es kurz und knapp aber wegweisend in der Bibel (Galater 6,2) – diese Wegweisung verkündigen wir in unseren Kirchen und auf den Marktplätzen.

Mit freundlichen Grüßen

— Margot Käßmann, Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

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