Leserbriefe : Die Bahn zeigt ICE-Reisenden das unterirdische Berlin

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„Abschied vom Bahnhof Zoo“

vom 19. Juni 2005

Vielen Dank für diesen sehr guten Beitrag von Klaus Hartung. Inhaltlich teile ich die Aussagen ohne Einschränkungen. Warum sollte eine Rückbesinnung auf die Geschichte rund um den Kudamm und Breitscheidplatz nicht hilfreich für eine Wiederbelebung der Berliner WestCity sein!

Markus Erich-Delattre,

Hamburg-Altona

Selten habe ich mich über einen Artikel in Ihrer Zeitung so geärgert, wie über diese fünf Spalten selbstgefälligen, abfälligen Abhandelns der Befindlichkeit „des“ Berliners – als ob es „den“ Berliner, „den Ostberliner“, „den Westberliner“ überhaupt gibt. Mit welchen Berlinern trifft Herr Hartung zusammen?

Erika Paul, Berlin-Charlottenburg

Klaus Hartung hat zwar interessante und in Teilen sicher zutreffende Betrachtungen über die rückwärtsgewandte Mentalität der Berliner „West-Ost-Doppelwesen“ angestellt, doch hier irrt er, wenn er das berechtigte Erschrecken von Fahrgast- und Wirtschaftsverbänden, ja auch der zuständigen Senatsverwaltung, über die neuen Pläne der DB AG als „Gekränktsein, als Jammer über notorische Zurücksetzung“ abqualifiziert. Denn der Protest richtet sich gegen die geplante Abkopplung von Bahnhof Zoo und Ostbahnhof gleichermaßen, gegen die verkehrliche Verödung der die ganze Stadt verbindenden Ost- West-Stadtbahn!

Der jetzt „Hauptbahnhof“ genannte Standort war als „Knoten- oder Verknüpfungsbahnhof“ zwischen den senkrecht zu einander stehenden Verkehrsachsen Nord-Süd („Stil“) und Ost-West („Krempe“) genannt, und nicht in erster Linie als zentraler Ankunfts-/ Abfahrtsbahnhof! Diese Funktion sollten nach wie vor die in die Stadtstruktur eingebetteten Bahnhöfe Spandau, Zoo, Ostbahnhof sowie neu Nord- und Südkreuz wahrnehmen. Immerhin bedienen sie Stadtteile von der Größe ganzer Ruhrgebietsstädte! Und sollte denn der Bau der beeindruckenden, drei Bahnsteige überdachenden oberirdischen Halle am künftigen Hauptbahnhof im Zuge der Stadtbahnstrecke nur ein Trugbild gewesen sein, in der viermal stündlich allenfalls kurze Regionalbahnzüge von kaum 140 m Länge halten? Und keine Fernreisenden mehr, die, wie Klaus Hartung meint, sich an der „städtebaulichen Pointe, dem leuchtenden Spreebogen, dem Anblick auf das Regierungsviertel erfreuen“ sollen? Wenn Bahnchef Mehdorn sich durchsetzt, werden die ankommenden Reisenden diesen Genuss in keinem Fall haben, wenn sie unterirdisch in 15 m Tiefe einrollen!

Christian Tietze, Berlin-Wilmersdorf

Niemand wird die Aufgabe der beiden Bahnhöfe der Ost-West-Achse allein aus nostalgischen Gründen bedauern. Entscheidend sind praktische Gründe und der Ärger über gebrochene Vereinbarungen. Spätestens als Herr Mehdorn verfügte, die Halle des Bahnhofs zu verkürzen, musste klar sein, dass nie geplant war, dort Fernzüge halten zu lassen. Und Herr Mehdorn als Sachwalter des Eigentümers Bundesrepublik wird sich dort rechtzeitig Rückendeckung verschafft haben. Um so mehr wäre es Sache der Landesregierungen gewesen und der Presse, hier frühzeitig Einspruch zu erheben.

Aus reiner Großmannssucht ist hier ein milliardenschweres Gebilde entstanden, für das es kaum eine sachliche Begründung gibt. Wenn die Bahn munter 750 Zugbewegungen täglich prognostiziert, also eine Verdopplung des derzeitgen Aufkommens, kann man das nur ins Reich der Phantasie verweisen – niemand kann auch nur andeutungsweise belegen, woher und wohin diese Verbindungen kommen sollen.

Jetzt dämmert es den Verantwortlichen, dass sich das Ungetüm Lehrter Bahnhof in absehbarer Zeit auf keine Weise wirtschaftlich betreiben lässt, sondern zu einem gigantischen Verlustgeschäft für die Bahn wird. Deshalb darf es auch die naheliegende Variante, nämlich zumindest auf Zeit die Ost-West-Strecke beizubehalten, auf keinen Fall geben. Denn sie könnte zeigen, dass kein Mensch am Lehrter Bahnhof aus- oder einsteigen wird. Die hervorragende Verkehrsanbindung des Bahnhofs Zoo lässt den Anblick von einem Dutzend Punks und anderen Pennern ertragen.

Frithiof Schneider, Berlin-Wilmersdorf

Wenn der Hauptbahnhof (Lehrter Bahnhof) als einziger zentraler Bahnhof genutzt werden soll, dann gehört dazu ein umfassendes Nahverkehr-Anbindungskonzept, abgestimmt zwischen DB, S-Bahn, BVG und der Stadt Berlin. Die Mehrzahl der Reisenden dürfte Gepäck bei sich haben und ist auf relativ bequeme Verbindungen angewiesen. Über ein solches Konzept, das zusammen mit dem Hauptbahnhof verwirklicht wird, ist mir bislang nichts bekannt geworden. Also plädiere ich für das, was ich kenne und m.E. bislang gut funktioniert hat, es beim Bahnhof Zoo als ICE-Halt ähnlich wie in Hamburg beim Bahnhof Dammtor zu belassen.

Wolfgang Tochtermann,

Berlin-Schmargendorf

Die Absicht der DB AG sämtlichen Fernverkehr ausschließlich über den Nord-Süd-Tunnel abzuwickeln verwundert mich sehr, fahren die Züge doch an einem der Berliner Hauptfahrgasteinzugsgebiete (City West) vollkommen vorbei. Stattdessen müssen die dortigen potentiellen Fahrgäste erst noch mit der S-Bahn in die Öde und Wallachei des Lehrter Bahnhofes fahren, um dann die Stadt mit einem größeren Umweg über den Nord-Süd-Tunnel und Nordring bzw. Papestraße wieder zu verlassen.

Für Fahrgäste in Richtung Hannover, Magdeburg, Ruhrgebiet, o.ä. bedeutet dieser Umweg einen Zeitverlust von einer geschätzten halben Stunde. Somit führt die DB AG alle Streckenausbaumaßnahmen ad absurdum und vergeudet damit nicht nur Zeit, sondern auch Geld durch künstlich geschaffene Umwege in der Stadt.

Frank Börnert, Berlin-Charlottenburg

Die derzeitigen Fernbahnhöfe Zoologischer Garten und Ostbahnhof, die künftig nach dem Willen der Bahn nicht mehr angefahren werden sollen, sind Knotenpunkte zwischen den Anlagen der Bahn (S-Bahn und DB) und dem anderen öffentlichen Personennahverkehr (U-Bahn, Bus und Straßenbahn). Hier laufen viele Linien aus den verschiedenen Bezirken der Stadt zusammen und ermöglichen den Reisenden ein bequemes Umsteigen zwischen den Verkehrsträgern. Die neuen Bahnhöfe liegen jedoch beide in einem verkehrlichen Niemandsland und bieten in der Umgebung keinerlei Anbindung an Hotels und sonstige Angebote. So werden die Reisenden gezwungen, an anderen Stellen die S-Bahn zu erreichen, um über weitere Umsteigepunkte die neuen Bahnhöfe zu erreichen oder umgekehrt. Für Geschäftsreisende mit nur einer Aktentasche mag das noch vertretbar sein, es nutzen jedoch die Fernbahn auch viele Reisende mit größerem Gepäck, für die jeder zusätzliche Umsteigepunkt zu einer Qual wird. Es lebe das Auto!

Gerhard Müller, Berlin-Charlottenburg

„Abheben und ankommen“

vom 17. Juni 2005

Bisher ist bei der Debatte um den Fernverkehr in den Bahnhöfen Zoo und Ostbahnhof immer übersehen worden, dass die ICEs nicht etwa an den beiden Bahnhöfen durchfahren, sondern auf der Stadtbahn fahren überhaupt keine mehr. Das bedeutet allerdings, dass im Lehrter Bahnhof (oben) unter dem imposanten Glasdach von Herrn Gerkan auch kein ICE mehr fährt bzw. unter diesem neu gebauten Bahnhofsdach hält!

Hier spielt neben dem Imageverlust – die ICE werden in den Keller verbannt – auch die Kostenfrage eine wesentliche Rolle: ICE-Züge sind mit maximal 420 m wesentlich länger als Regional-Züge oder Regional-Express-Züge, die zumeist nur etwa 140 m messen. Entsprechend müssten die Bahnsteige auch nicht so lang zu sein, wie es bei allen drei Bahnhöfen der Fall ist. Alle Bahnsteige sind auf ICE-Maß verlängert bzw. neu gebaut worden.

Es hätte also sehr viel Geld gespart werden können, wenn dies von vornherein geplant worden wäre!

Rüdiger Lemnitz,

Berlin-Charlottenburg

Mit seinem Bericht über die Ausstellung zur Architektur von Gerkan, Marg und Partner spricht mir Bernhard Schulz aus dem Herzen. Den neuen Hauptbahnhof/Lehrter Bahnhof „als Entree der Bundeshauptstadt“ und „als große Geste anzulegen“, war gewiss die Absicht der Architekten. Stattdessen hat man diese „grandiose skulpturale Figur“ mir nichts dir nichts verstümmelt. Warum?

Berlin ist im Augenblick gewiss nicht die schönste europäische Hauptstadt, aber eine im Aufbruch – auch und gerade in der Architektur – bestimmt! Wer von Norman Fosters Reichstagskuppel zum Hauptbahnhof hinüberschaut, den rührt der Schlag: Eine ebenso kühne wie schöne, dem Stadtbild an dieser Stelle durch die glasüberwölbte Rundung der Stadtbahntrasse neue Kontur verleihende „schwebende“ Konstruktion bleibt unvollendet, wirkt abgeschnitten und provisorisch. Nur kein Pathos, aber das grenzt an selbstverschuldete städtebauliche Unmündigkeit der Verantwortlichen...

Dr. Roland Jerzewski, Berlin-Tegel

Sicherlich weiß man bei der Bahn, dass in Berlin die meisten Fahrgäste für Fernverbindungen aus dem Südwesten kommen. Deshalb ist die geplante Ausdünnung des Fernverkehrs auf der Stadtbahn ein Affront gegen diese Fahrgäste. Mit ihrer Planung setzt die Bahn noch eins drauf auf die bereits erfolgte Abkopplung der Landeshauptstadt Potsdam vom Fernverkehr. Übrigens gibt es viele Bürger, die wollen gar nicht unbedingt die schnellste Verbindung haben, sondern sie wollen pünktlich weiterkommen und nicht so viel umsteigen.

Emil Cauer, Berlin-Mitte

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