Leserbriefe : Die Bildungsforschung wird ignoriert

„Linke plant Sozialquote für Berlins Schulen“ von Susanne Vieth-Entus

vom 29. Dezember

Der Vorschlag zur Sozialquote ist nur Ausdruck der Misere: In Berlin gibt es über 30 Prozent lehrmittelbefreite Kinder. Diese werden zwangsläufig fast alle in der neu zu gründenden „Regionalschule“ beschult werden müssen. Das heißt, dass ca. 50 Prozent der Schulen alle diese Kinder aufnehmen werden. Rechnerisch ergibt sich damit ein Anteil von circa 60 Prozent lehrmittelbefreite Kinder in der „Regionalschule“. Hinzu kommt der Irrglaube, dass sich diese Schülerinnen und Schüler gleichmäßig auf alle Bezirke und alle Schulen verteilen werden. Im Gegenteil! Es wird weiterhin nachgefragte und weniger nachgefragte Schulen geben. Mit der Folge, dass es auch zukünftig Schulen geben wird, die diese 60-Prozent-Quote weit überschreiten werden: Die neuen Hauptschulen! Nur sehr viel größer als heute.

Die Misere wird vollständig sichtbar, wenn man außerdem in Rechnung stellt, dass dieser neue Schultyp fast die gesamte Integrationsleistung allein erbringen muss. Und das alles nur, weil bundesweit und in Berlin die Bildungsforschung vollständig ignoriert wird. Alle Untersuchungen zeigen, dass eine spätere Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen die Ungleichheit der Bildungsleistungen verringert, das Schulsystem als Ganzes effektiver macht.

Die Erfolge vernünftig zusammengesetzter Gesamtschulen wie der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Schöneberg, der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Tempelhof oder der Martin-Buber-Gesamtschule in Spandau werden einfach nicht beachtet. Diese Gesamtschulen zeigen seit Jahren, dass der gemeinsame Unterricht für alle Schüler (Schüler deren Elternhäuser die komplette Sozialstruktur der Gesellschaft widerspiegeln) große Vorteile hat.

Aber warum ist die Gliedrigkeit eine Misere?

Der vermeintliche Vorteil der gymnasialen Bildung muss langfristig von der Gesellschaft teuer erkauft werden. Pisa hat gezeigt, dass circa 25 Prozent der heute 15-Jährigen aufgrund des Fehlens ihrer schulischen Fähigkeiten nicht in den Berufsprozess integrierbar sein werden. Dieses Viertel ist aber weiterhin Teil unserer Gesellschaft und muss versorgt werden. Daraus ergeben sich dann lebenslange Transferleistungen, die nach heutigen Berechnungen circa 40 Prozent der zukünftigen Einkommen ausmachen werden. Es werden also in einigen Jahren von jedem verdienten Euro neben den Steuern und der Krankenversicherung über 40 Cent an Sozialleistungen abgezogen werden.

Ist es da nicht klüger, heute über den egoistischen Schatten zu springen und sich für nur eine integrierte Schulform zu entscheiden?

Lutz Kreklau, Berlin-Friedenau

Lehnen wirklich alle Fachleute eine solche Sozialquote ab, mit der mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden soll? Ich kenne nicht wenige, die in einem solchen Vorschlag zumindest einen Ansatz für eine Problemlösung sehen.

Worum geht es? Es soll in Berlin demnächst nur noch – ohne die Sonderschulen – zwei Arten von Oberschulen geben, Gymnasien und eine weitere Oberschulart, deren Name noch nicht feststeht. Beide Schularten sollen zum Abitur führen, möglicherweise die eine grundsätzlich in zwölf Jahren, die andere eher in 13. Der grundlegende Unterschied scheint allein darin bestehen zu sollen, dass die Gymnasien sich weiterhin die guten Schülerinnen und Schüler aussuchen dürfen, die anderen Oberschulen den Rest kriegen. Das aber ist ungerecht. Warum gelten nicht für beide Oberschularten die gleichen Zugangsbedingungen? Und warum sollen dann nicht beide Schularten mit ihren unterschiedlichen pädagogischen Konzepten durch ihre gute konkrete pädagogische Arbeit zu beweisen haben, wer mehr leistet, wer die besten Bildungsentwicklungen bewirkt?

Peter Heyer, Berlin-Steglitz

Rot-Rot will die „soziale Mischung an den Schulen verbessern“. Im Klartext soll das Berliner Gymnasium auf das Niveau „kennen sie die natürlichen Zahlen 1-2-3“ im Bundesdurchschnitt nun endlich auf Hauptschulniveau reduziert werden, damit die Quote stimmt.

Die Bildungschancen „benachteiligter Kinder“ liegen aber überwiegend an dem Elternhaus, das entweder die Kinder schulisch nicht begleitet und/oder sich keine Nachhilfe leisten kann, damit die Kinder bessere Startchancen haben. Ergo wäre richtig, durch bessere Kitas, Ganztagsschulen und Betreuung nach dem Unterricht die Defizite des Elternhauses auszugleichen. Das kostet aber Geld, das der Senat nicht bereit ist, auszugeben. Mit der sozialistischen Quote bekommt man sicherlich mehr Abiturienten, die dann frustriert bundesweit wegen des „Berliner Abis“ keine Chancen auf die begehrten Studienplätze bekommen.

Dr. Joachim Sproß,

Berlin-Wilmersdorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar