Leserbriefe : DIE DEBATTE UM EINEN MÖGLICHEN IRAK-KRIEG Sind Sie wirklich so blauäugig?

Unser Leser Claus Kretschmer hält die Kritik von Bundesumweltminister Jürgen Trittin an einem Irak-Krieg für falsch. Der Minister antwortet

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Betrifft: „Für viele ist Deutschland Hoffnung“ vom 26. Februar 2003

Woher nimmt Jürgen Trittin das Recht zu behaupten, dass es den USA nur um das Öl gehe und dass von dem irakischen Diktator Saddam Hussein keine akute Bedrohung ausgehe? Vielleicht hat er ja mit diesem selbst gesprochen und macht sich dazu noch die Meinung vieler blauäugiger Europäer zu eigen, dass der Präsident der USA nur machtpolitische Interessen verfolgt? Dass aber Frankreich selbst eine mehr als zwielichtige Rolle in diesem Konflikt spielt, ignoriert er.

Herr Trittin sollte sich lieber um sein Ressort kümmern. Ich persönlich fühle mich nämlich durch den internationalen Terrorismus und den irakischen Diktator bedroht.

Claus Kretschmer, Teltow

Sehr geehrter Herr Kretschmer,

um welchen Zweck geht es bei dem drohenden IrakKrieg? Es gibt dafür nur ein legitimiertes Ziel, und das ist in den Resolutionen des UN-Sicherheitsrates festgelegt – zuletzt in der Resolution 1441. Demnach hat der Irak alle Massenvernichtungswaffen zu beseitigen, alle Informationen darüber herauszugeben und die ungehinderte Arbeit der UN-Inspektoren zu gewährleisten.

Alle anderen Ziele sind durch diese Resolution nicht gedeckt. Nicht gedeckt sind alle Vorstellungen, die darauf abzielen, Husseins verbrecherisches System von außen zu stürzen – im Zweifel auch ohne UNO-Mandat – , wie es US-Vizepräsident Cheney bereits im August 2002 angekündigt hat. Nicht gedeckt sind auch alle geostrategischen Überlegungen über den Aufbau eines „demokratischen Irak“ als Vorbild für die gesamte arabisch-islamische Welt, wie sie Präsident Bush jüngst angestellt hat. Nicht gedeckt sind schließlich Rohstoffinteressen, etwa die direkte oder indirekte Kontrolle über die Ölreserven der Region, wie sie in regierungsnahen Strategiezirkeln der USA offen propagiert werden.

Saddam Hussein war schon ein Diktator, als er – mit verdeckter Unterstützung des Westens – in den achtziger Jahren den Iran überfiel, als er Tausende Kurden mit Giftgas ermordete. Die Technologie dafür stammte auch aus dem Westen.

Diesem Diktator wurden von der UN wirksame Fesseln angelegt. Die UN-Inspekteure haben bisher keine Beweise dafür gefunden, dass der Irak wieder über Massenvernichtungswaffen verfügt. Als widerlegt kann die Behauptung angesehen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen al-Quaeda und Saddam Hussein gibt. Festzustellen ist aber, dass sich zwischen der Resolution 1441 des UN-Sicherheitsrates und den Äußerungen amerikanischer Regierungsmitglieder, es sei von keiner großen Bedeutung, ob der Irak seine Raketen zerstöre oder nicht, eine wachsende Kluft auftut.

Rolf Ekeus, der Stellvertreter des UN-Inspektors Harald Blix, hat betont, seine Waffeninspekteure hätten im Irak mehr Waffen zerstört als die Amerikaner im Golfkrieg von 1991. Und das, ohne die Bevölkerung zu gefährden. Die Inspekteure haben bestritten, dass von Saddam Husseins Regime eine akute Gefahr für seine Nachbarn ausgehe. Es gibt also einen anderen Weg, Massenvernichtungswaffen im Irak unschädlich zu machen. So lange man diesen Weg, so beschwerlich er sein mag, gehen kann, verbietet sich jeder Gedanke an Krieg.

Was würde ein solcher Krieg verursachen? Auf jeden Fall eine humanitäre und ökologische Katastrophe. Wissenschaftler rechnen mit 50 000 bis 260 000 irakischen Toten während eines dreimonatigen konventionellen Krieges – und mit weiteren 200 000 irakischen Toten durch Hunger und Epidemien. Sie fordern, ich solle mich lieber um mein Ressort kümmern. Finden Sie das angesichts dieser Tatsachen nicht absurd?

Jürgen Trittin, Bundesumweltminister

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