Leserbriefe : DIE DISKUSSION ÜBER DIE HANDWERKSORDNUNG Warum kein Meisterzwang mehr?

Unser Leser Heinrich Jünemann, selbst Bäckermeister, hält die Liberalisierung für falsch. Hans-Georg Beuter vom Bund unabhängiger Handwerker hält dagegen.

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Zu: „Eine Lobby macht noch keinen Meister“ vom 12. Juli 2003

Sie stellen das Handwerk und seine Verantwortlichen als rückständig und verkrustet dar. Das ist falsch und trifft nicht zu. Mein Handwerk zählt zu den ältesten. Bereits am 18. Juni 1272 wurde die Bäckerinnung zu Berlin gegründet. Die wichtigsten Funktionen lagen und sind auch heute noch innerhalb des politischen, gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Gefüges unseres Staates zu sehen. Das Handwerk hat es immer durch die Jahrhunderte verstanden, sich den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.

Das Erwerben des Meistertitels ist eine Kette der Ausbildung vom Lehrling zum Gesellen und zum Meister. Mit der Ablegung der Meisterprüfung erreicht man die Qualifikation, sich selbstständig zu machen. Was hat dies mit einem Kartell der Meisterbetriebe zu tun?

In der Ausbildung erfolgt die meisterliche Qualifikation zur Herstellung der Produkte und die Qualifikation, einen Betrieb zu führen, sowie die marktwirtschaftlichen Instrumente zu beherrschen. Die Ausbildung unseres Berufsnachwuchses gehört seit Jahrhunderten zu unseren Aufgaben und wird vom Handwerk wahrgenommen. Dabei werden nicht nur die Fertigkeiten für das Handwerk vermittelt, sondern es erfolgt auch eine Erziehung der jungen Menschen zu einer Persönlichkeit. Die Schwarzarbeit hat Ursachen, die nicht durch die Auflösung des Status Handwerk beseitigt werden können. Durch eine von der Politik eingeleitete falsche Liberalisierung wird der Stand des Handwerks zunichte gemacht. Ich bin stolz, dass ich Bäckermeister geworden bin und mein Handwerk in Verantwortung ausüben kann.

Heinrich Jünemann, BerlinLichtenrade

Sehr geehrter Herr Jünemann,

mit Recht sind Sie stolz auf die traditionsreiche Bäckerinnung Berlin. Wie Sie selber schreiben, hat es das Handwerk immer verstanden, sich Veränderungen anzupassen. Gerade diese Erfahrung kann und sollte Ihnen das Vertrauen geben, dass sich das Handwerk auch bei vollständiger Abschaffung des Meisterzwangs anpassen wird. Diese Abschaffung wird früher oder später durch die Politik oder das Verfassungsgericht kommen.

Die Verweigerung notwendiger Anpassungen ist eine Gefahr für den Fortbestand jeglicher Tradition. So ist die gegenwärtige Diskussion eine Folge von fehlenden Veränderungen bei der Meisterausbildung. Wenn diese so gut wäre, dass jeder sie absolvieren wollte, dann wäre der Meisterzwang nie als Problem aufgetreten, denn auch die Gegner des Meisterzwangs haben an einer hochwertigen Ausbildung großes Interesse. Eine freiwillige Meisterausbildung wird es weiter geben und wie viel Handwerker diese absolvieren, hängt von ihrer Qualität ab.

Änderungen an der Handwerksordnung sind auch aufgrund der europäischen Einigung notwendig geworden. Schon heute dürfen Handwerker aus anderen EU-Staaten sich hier sogar ohne Gesellenbrief selbstständig machen. In wenigen Jahren werden auch osteuropäische Handwerker dieses Privileg genießen. Wer heute nicht bereit ist, diese Herausforderung anzunehmen, der muss sich Gedanken um die Zukunft machen.

Der Bund unabhängiger Handwerker vertritt Handwerker ohne Meisterbrief, die ihren erlernten Beruf selbstständig ausüben. Wie auch heute schon ohne Meisterbrief ein Handwerk selbstständig ausgeübt werden kann, das diskutieren die Mitglieder der Berliner BUH-Regiogruppe mit Ihnen gerne jeden ersten Montag im Monat ab 19 Uhr im Kreuzberger Stadtteilzentrum, Lausitzer Str. 8. Die Kollegen freuen sich auf Ihren Besuch.

Hans-Georg Beuter ist Vorstandsmitglied im Bund unabhängiger Handwerker (BUH)

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