Leserbriefe : DIE DISKUSSION UM DIE ABSCHAFFUNG DER VORKLASSEN Eine neue Herausforderung

Unser Leser Hans-Joachim Thurm will die Vorklassen an Grundschulen retten. Bildungssenator Klaus Böger plädiert dagegen für eine „flexible Schulanfangsphase“

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Zu: „Privatschulen dürfen Vorklassen behalten“ vom 29. Oktober 2003

Der Berliner Senat hat sich die - außer in den Privatschulen - Abschaffung der Vorklassen der Grundschulen zum Ziel gesetzt. Diese Klassen bestehen in Berlin bereits seit 1969, schon 1978 gab es an allen Grundschulen Vorklassen. Mit großem organisatorischen und finanziellen Aufwand wurden überall geeignete Vorklassenräume eingerichtet. Viele Erzieherinnen erhielten an der damaligen Pädagogischen Hochschule eine Ergänzungsausbildung als Vorklassenleiterin. Die heute tätigen Vorklassenleiterinnen haben in z. T. langjähriger Praxiserfahrung wertvolle Erkenntnisse und Fähigkeiten in der Arbeit mit dieser Altersstufe erworben, die der Schule erhalten bleiben müssen.

Die Vorklassen haben sich nach einhelliger Auffassung von Pädagogen und Eltern zu einer überaus segensreichen, erfolgreichen Einrichtung entwickelt, die man nicht mit einem Federstrich beseitigen sollte. In diesen an der Grundschule angesiedelten Klassen ist es am besten möglich, die Kinder auf die Arbeit in der Grundschule vorzubereiten und eine im Hinblick auf die Anforderungen des Anfangsunterrichts gleiche Lerngrundlage der Kinder zu schaffen. Nur hier in der Schule können sie mit den Gegebenheiten, Rahmenbedingungen und Räumlichkeiten „ihrer“ Schule richtig vertraut gemacht werden, die Lehrer ihrer künftigen ersten Klassen kennen lernen und erste Erfahrungen in den Formen schulischen Lernens sammeln. So ist der Eintritt in die erste Klasse für die Kinder nach einem Jahr ein gleitender Prozess ohne Ängste und Unsicherheiten geworden. Dies wirkt sich zweifellos auch positiv auf ihre schulischen Erfolge im Anfangsunterricht aus.

Die freien Raumkapazitäten bei sinkender Schülerzahl müssten auch das Problem der ganztägigen Betreuung von Vorklassenkindern, deren Eltern darauf angewiesen sind, lösbar machen. Nicht zuletzt wäre die Erhaltung und der Ausbau der Vorklassen grade auch für die zahlreichen ausländischen Schüler von größter Wichtigkeit, weil sie in besonderem Maße, vor allem in sprachlicher Hinsicht, der Vorbereitung auf den Grundschulunterricht bedürfen.

Hans-Joachim Thurm, Berlin-Hermsdorf

Sehr geehrter Herr Thurm,

Sie haben völlig Recht, wenn Sie schreiben, dass es sinnvoll sei, Kinder früher als bisher mit den Gegebenheiten von Schule vertraut zu machen. Die Zeit des systematischen Lernens beginnt für viele Kinder zu spät. Wir haben deshalb mit dem neuen Schulgesetz geplant, die Einschulung ein halbes Jahr vorzuziehen. Rückstellungen sollen vermieden werden. Schule beginnt dann für alle Kinder ein halbes Jahr früher – also mit fünfeinhalb Jahren. Bereits im Alter von fünf Jahren, wenn sie sich anmelden, sollen künftig alle Kinder auf ihre Sprachfähigkeit von der jeweiligen Schule getestet werden. Der Sprachtest „Bärenstark“, den wir bei Kindern im schulpflichtigen Alter durchgeführt haben, hat übrigens keinen Unterschied im Hinblick auf den Sprachstand zwischen Kindern, die den Kindergarten oder die Vorklasse an Schulen besucht haben, ergeben.

Kinder, die offenkundig die Sprache noch nicht so beherrschen wie es ihrem Alter entspräche, werden in Zukunft zu einem halben Jahr Unterricht noch vor Schuleintritt verpflichtet. Bei Kindern, die den Kindergarten besuchen – das sind immerhin 92 Prozent aller Berliner Kinder – werden die Erzieherinnen auf die Defizite hingewiesen. Sie führen ein Lerntagebuch und fördern diese Kinder noch einmal besonders. Für die Zukunft gilt: Die vorschulische Bildung findet im Kindergarten statt. Die Schule beginnt dann generell ein halbes Jahr früher. Die Zusammenarbeit zwischen dem Kindergarten und der Grundschule wird verstärkt.

Die Vorklassen werden nicht einfach abgeschafft. Sie werden vielmehr zu einem Bestandteil der geplanten flexiblen Schulanfangsphase. Das bedeutet konkret, dass Grundschulkinder der Klassenstufen eins und zwei das Lernangebot in ein, zwei oder auch drei Lernjahren wahrnehmen können. Dabei werden wir natürlich nicht auf die Fähigkeiten der Vorklassenleiterinnen verzichten. Sie bleiben ebenso wie die liebevoll eingerichteten Vorklassenräume der Schule erhalten; schließlich haben wir ja dieselben Altersgruppen in den ersten Klassen wie jetzt in den Vorklassen.

Auf die Grundschulen kommt eine neue Herausforderung zu: Die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler wird wachsen, die Anforderung an die professionelle Diagnostik ebenfalls. Auf der anderen Seite werden die Schulen deutlich davon profitieren, dass die Kindertagesstätten mehr und mehr zu Bildungseinrichtungen werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder neugierig und wissensdurstig sind und lernen wollen. Dazu sollten wir ihnen die Gelegenheit in Kindergarten und Schule geben.

Klaus Böger ist Senator für Bildung, Jugend und Sport

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