Leserbriefe : Die Entschröderung der SPD kommt voran

-

„SPD will weg von Atom und Öl“

vom 7. März 2006

Die Entschröderung der SPD scheint voranzukommen, und der ostdeutsche Neue auf der Kommandobrücke des Tankers SPD hat nach der Wende zur deutschen Einheit auch hinreichend realpolitische Erfahrung gesammelt, um nicht gleich wegen seiner Visionen von Altbundeskanzler Schmidt zum Arzt geschickt zu werden. Allerdings waren letzthin gezielte Anstrengungen unübersehbar – und zwar in dem, wie man vernehmen musste, schweißgetränkten Maschinenraum der Bundesregierung –, den mit fulminantem Wahlergebnis an die Parteispitze berufenen Matthias Platzeck auf SPD-Normalmaß zurechtzustutzen. Man möchte ihm wünschen, dass er diesen Reflex gut wegsteckt und bald hinter sich lassen kann. Denn er setzt die Akzente mit anerkennenswerter Unbeirrtheit richtig und streitet für eine grundlegende Erneuerung der Ressourcen unserer Gesellschaft.

Platzeck hat sich nun – entgegen den teilweise ganz anders gearteten Strebungen des Koalitionspartners – festgelegt: Es muss alles Mögliche getan werden, um zu neuen Formen der Energieerzeugung und der Energienutzung in Wirtschaft und Haushalten zu kommen. Sich dafür ins Zeug zu legen, ist im „Maschinenraum“ und weit darüber hinaus eigentlich schon lange dringend nötig. Auf dem anderen wichtigen Feld der Ressourcenerschließung hat sich Platzeck – von Finnland inspiriert – als Mahner und Motivator gleichfalls mehr als diejenigen profiliert, die sich mit den vermeintlich „weichen“ Themen Familie und Bildung nicht sonderlich befassen mochten und mögen. Dabei kommt es in allererster Linie auf die Wiedergewinnung eines gesellschaftlichen Klimas an, in dem intensives Bildungsbemühen mit Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft zusammengeht.

Dies setzt staatlicherseits hinsichtlich Inhalt und Ausstattung ein fundiertes Angebot voraus und bei Nachwachsenden und Fortzubildenden eine rege Nachfrage. Sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite haben wir aber gravierende Rückstände bzw. Ausfälle zu verzeichnen. Nebenbei: Von den offenbar in hektischem Aktionismus gekochten und übereilt zusammengerührten Berliner Reformsüppchen ist erst mal wenig Positives zu sagen und zu erwarten.

Es sind also gerade die dicksten Bretter, die Platzeck, wenn er es ernst meint, zu bohren sich anschickt. Genau dafür aber werden auch Politiker gebraucht. Glückauf!

Karsten Unger, Berlin-Heiligensee

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben