Leserbriefe : Die Evolution geht weiter

Zur Beilage „Evolution“

vom 18. Oktober

Es ist sehr lobenswert, dass der Tagesspiegel dem Thema Evolution so differenzierte und qualifizierte Darstellungen widmet. Das Thema ist für die Gläubigen ein schweres Thema und daher gibt es die bekannten Bewegungen, in den USA, welche die Evolution – und damit die Wahrheit – leugnen.

Die wissenschaftliche Forschung hat es nun an den Tag gebracht, dass die Welt mitsamt dem Menschen nicht in sechs Tagen von der ewigen Göttlichkeit erschaffen sein kann, dass die Genesis des Alten Testaments insofern ein wenig neu zu interpretieren ist. Die ewige Göttlichkeit hat halt ein bisschen länger dazu gebraucht. Schadet das dem religiösen Verständnis? Ich meine: nicht im Geringsten.

Ein Dilemma bei den heutigen großen Vertretern der Religionen entsteht aber, wenn man den Gedanken aufgreift, dass die ewige Göttlichkeit sich keineswegs zur Ruhe gesetzt hat, dass uns vielmehr ganz neue Wesen ablösen werden, die sich vom heutigen Homo sapiens so sehr unterscheiden wie sich die Spezies vor dem Homo sapiens, etwa vor zwei Millionen Jahren von der heutigen unterscheidet, dass es sozusagen eine Weiterentwicklung direkt durch die ewige Göttlichkeit geschaffen geben wird.

Wir können einen solchen „Homo angelus“ noch nicht sehen, er wandelt bei uns noch nicht sichtbar herum. Aber können wir uns das gedanklich vorstellen?

Wer sich in der indischen Philosophie auskennt, der weiß natürlich, dass sich dieser Weiterentwicklung Sri Aurobindo (1872 bis 1950) sein Leben lang gewidmet hat. Er legte keinerlei Wert darauf, dass seine Gedanken allen groß verkündet werden. Er hat einmal gesagt, dass es zum Homo sapiens einen Entwicklungsschritt gegeben hat, der aber auch einen Verlust zur Folge hatte. Das Wesen, dass noch aufgrund seines langen Schweifs von Baum zu Baum springen konnte, verlor diese Fertigkeit als Homo sapiens, der mit der wachsenden Intelligenz gesegnet wurde.

Genauso könnte es sein, dass das Wesen der Zukunft die Intelligenz verliert und stattdessen eine umfassende Intuition gewinnt, die das gedankliche Abwägen und die Myriaden falscher Entscheidungen überflüssig machte.

Für mich ist es erstaunlich, dass sich unsere großen Philosophen (Nietzsche ausgenommen) mit der Evolution des Menschen recht wenig auseinandergesetzt haben; für sie bleibt es leider beim Homo sapiens bis zum letzten Tag.

Dr. Johann-Georg Blomeyer,

Berlin-Charlottenburg

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben